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Der innere Sinn

Aristoteles' Aufbringen des koinê aisthêsis
Die sprachtechnischen Präsenzen

Rudolph Eisler

Handwörterbuch der Philosophie (1922)

"Sinn innerer, siehe " (dort trifft man nur auf einen Verweis zu nachfolgendem auf S. 729) "Wahrnehmung innere, ist die Wahrnehmung des 'Innern', d. h. des Psychischen (s. d.), als Inbegriff unserer eigenen Erlebnisse als solcher, in ihrer unmittelbaren, auf das Subjekt, nicht auf Objekte bezogenen Qualität. Die innere oder besser unmittelbare W. im weiteren Sinne besteht aus den psychischen Erlebnissen selbst, welche 'Wahrnehmungen' sind, sofern sie Momente des Bewußtseins (s. d.) sind; im engeren Sinne ist sie Richtung der Aufmerksamkeit auf den Ablauf der Bewußtseins Vorgänge, das Wissen um diese in deren Charakter als Modifikationen des reaktiv-aktiven Subjekts, das Wissen um das Haben von Bewußtseinsinhalten, um den Prozeß des Erlebens, welches Wissen auch in einem Urteil zum Ausdruck kommen kann. Der Gegenstand der unmittelbaren W., das Psychische, hat unmittelbare Wirklichkeit, wird nicht als Erscheinung eines unbekannten Seins aufgefaßt; wohl aber wird er durch das Denken bestimmt gegliedert und dann wieder verbunden, so daß die psychologische Realität, wie sie in Urteilen gegeben ist, schon von gewissen Formen des Denkens (Kategorien) abhängig ist, aber eben nur von jenen, welche zur einheitlich-gedanklichen Verknüpfung des Materials unmittelbarer W. nötig sind (Einheit, Vielheit, Kausalität u. a., aber nicht Substantialität im engeren Sinne u. dgl.). Bei aller Bedingtheit auch des Psychischen vom Erkennen, sofern es dessen Gegenstand wird, bleibt es doch in seiner Qualität als Geistigkeit, als lebendiger Bewußtseinsprozeß eine unmittelbare Wirklichkeit, ein 'Selbstsein', 'Fürsichsein' (s. Ich, Transzendent, Bewußtsein, Ding an sich), im Unterschiede von den begrifflich-symbolisch bestimmten Relationen der Außendinge (s. Objekt). Daß die innere W. im einzelnen Irrtümern ausgesetzt ist und ihre 'Evidenz' nur auf das Konstatieren von Erlebnissen schlechthin (ohne Deutung) sich beschränkt, steht dem nicht entgegen, ebenso nicht die Bczogenheit aller Erfahrungsinhalte auf ein logisches 'Bewußtsein überhaupt' (s. Subjekt)."

"Die innere W. wird in der älteren Philosophie teils mit dem Selbstbewußtsein (s. d.), teils mit dem Gemeinsinn (s. d.) - Aristoteles (De memor. 1), Thomas (Contr. gent. II, 74) - meist aber mit dem 'innern Sinn' ('sensus interior'), zu dem nach manchen auch der Gemeinsinn gehört (Thomas u. a.) in Verbindung gebracht. So von Augustinus (De anima IV, 20; De libero arbitrio I, 3 f.; II, 4; 23), Wilhelm von Occam (In 1. sentent. 3, 5); die innere W. erfaßt die Zustände und Akte der Seele unmittelbar, nicht - wie Thomas u. a. - durch Reflexion (s. d.), indirekt."

"Während öfter dem 'innern Sinn' die Funktion der Vorstellung, Erinnerung, Phantasie, Beurteilung u. dgl. zugeschrieben wird (Avicenha, De anima IV, 1; Thomas, Sum. theol. I, 78, 4; Melakohthok, Gasmann u. a.), wird er ('internal sense') bei Locke zur innern W. als 'Reflexion' (s. d.) auf die eigenen Tätigeiten der Seele ('the notice which the mind takes of its owns Operations'), die eine eigene Quelle der Erkenntnis (s. d.) ist (Essay concem. hum. understand. II, K. 1, { 4). Nach Leibniz ist der innere Sinn ('sens interne') die Vereinigung der verschiedenen Sinneswahrnehmungen (Werke, Gerhardt VI, 501); die innere W. hängt mit der .,Apperzeption' (s. d.) zusammen. Nach Che. Wolff erfaßt sich der Geist 'sensu quodam intemo' (Philos. rational. § 31)."

"Erkenntnistheoretisch bedeutsam wird der Begriff des 'inneren Sinnes' durch Kant. Außer den äußeren Sinnen gibt es noch eine Art, durch 'Rezeptivität' (s. d.) Vorstellungen zu empfangen, es ist dies die 'Affektion' des Geistes durch sich selbst oder durchs 'Gemüt', d. h. seinen eigenen Zustand (Anthropol. I, { 13). Wir erkennen uns nicht so, wie unser Ich (s. d.), Subjekt (s. d.) oder Geist an sich ist, sondern wie dieser sich uns in der 'Form' darstellt, die er durch das Erkennen erst annimmt. Diese Form ist die Anschauungsform der Zeit (s. d.) ; alles, was wir von uns selbst erkennen, wird 'in Verhältnissen der Zeit' vorgestellt. Die Zeit ist 'die Form des inneren Sinnes, d. i. des Anschauens unserer selbst imd unseres innem Zustandes'. Da nun alles, was durch einen Sinn (d. h. rezeptiv) vorgestellt wird, Erscheinung (s. d.) ist, so wird das Subjekt durch denselben nur als Erscheinung vorgestellt. 'Wenn dad Vermögen, sich bewußt zu werden, das, was im Gemüte liegt, aufsuchen (apprebendieren) soll, so muß es dasselbe affizieren und kann allein auf solche Art eine Anschauung seiner selbst hervorbringen .., da es denn sich anschauet, nicht wie es sich unmittelbar selbständig vorstellen würde, sondern nach der Art, wie es von innen affiziert wird, folglich wie es sich erscheint, nicht wie es ist (Krit. d. rein. Vern., S. 50ff., 72 f., 120; vgl. Apperzeption, Selbstbewußtsein; vgl. Reinhold, Theorie der Vorstell., 1789, S. 369; Fries, Psych. Anthropol., { 25; Neue Kritik 1, 111, n. a).
- Während Vaihinger meint, Kant verstehe unter dem Material des inneren Sinnes die seelischen Tätigkeiten selbst (Kant-Kommentar II, 482), hält Reininger die letzteren für das Affizierende, von dem wir sinnliche Bilder in der Zeit bekommen (Kants Lehre vom innern Sinn, 1900, S. 23 ff.). Die Lehre vom i. S. ist so zu fassen, daß das Ich selbst in seinem Selbstbewußtsein an dieselben allgemeinen Erfahrungsbedingungen geknüpft ist wie die Tatsachen der äußern Erfahrung. Nicht vom empirischen lch aber, welches nur empirische Realität (s. d.) hat, ist das Objektive abhängig; so wird dem subjektiven Idealismus der Boden entzogen. Außen- und Innenwelt sind Korrelate, zwei Seiten einer Gesamtwirklichkeit. Die Außenwelt ist nicht in einem Ich, wohl aber nie ohne ein Ich (ibid.; vgl. Philos. des Erkennens, 1911; Wissensch. Beilage der Philos. Gcsellsch. in Wien, 1912); vgl. Frischeisnköhler, Wissenschaft u. Wirklichkeit 1912; ähnlich z. T. der transzendentallogische Idealismus (s. d.; Cohen, Natorp, Lanz u. a.; vgl. Subjekt, Bewußtsein, Transzendent). - Daß die innere W. durch Erkenntnisfunktionen vermittelt ist, betonen E. V. Hartmann, Drews (s. Ich) u. a., Külfe, A. Messner (Einführ. in die Erkenntnistheorie, 1909, S. 76 f.), Husserl (Log. Untersuch. I, 1900, 122) u. a. Vgl. Palagy (Keine besondere innere W., sondern nur 'inverse Besinnung', Reflexion, Urteil über die Bewußtseinsmodifikationen; Die Logik auf dem Scheidewege, 1905, S. 1(V). 240). "

"Gegen die Theorie des 'inneren Sinnes' verficht die Unmittelbarkeit, die nicht durch eine Vorstellung vermittelte Erkenntnis der Bewußtseinsvorgänge G. E. Schulze (Psych. Anthropol., S. 114 ff.), Fichte (s. Anschauung, intellektuelle), Schleiermacher (Dialektik, S. 63 ff.), H. Ritter, Beneke, nach welchem bei der innern W. das Sein unmittelbar, ohne Zusatz, mit voller oder absoluter Wahrheit vorgestellt wird (Lehrb. d. Psychol., §129; System d. Metaphys., 1840, S. 68ff.), Herbart ('Apperzeption' durch Vorstellungsmassen; Lehrb. d. Psychol.', 1807, S. 43, 66 f.: Psychol. II, 1824/23, § 125), Ueberweg (Logik, 1882, § 36; Welt- u. Lebensansch. S. 29 ff.), v. Kirchmann, Brentano (Evidenz der innern W., Psychol. 1, 1874. S. 119. Höfler, Meinong (Die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens, 1906, S. 47 ff.: gibt innere Totalerlebnisse, innere Akte, ideale Pseudoobjekte), Kreibik, nach welchem die innere W. ein Urteil enthält und die Erkenntnis der Innenwelt eine direkte evidente ist (Über Wahrnehmung, 1911, S. 37; Die intellektuellen Funktionen, 1009, S. 14, 288 ff.); vgl. Husserl, Log. Untersuch. I, 1900, 122), J. Bergmann (Vorles. über Metaphys., 1886, S. 190 ff.), Lipps (Leitfaden d. Psychol., S. 14), E. H. Schmitt (Krit. d. Philos., 1908, S. 181), Dilthey, Bergson u. a. Auch nach Wundt hat der Gegenstand der innern W. unmittelbare Realität. Unsere inneren Erlebnisse sind unmittelbar gegeben und werden so von der Psychologie (s. d.) untersucht, deren Erkenntnis eine 'unmittelbare oder anschauliche' ist. 'Äußere' und 'innere' Erfahrung sind nur verschiedene Gesichtspunkte der Auffassung und Bearbeitung der Daten der Gesamterfahrung (vgl. Psychisch, Naturwissenschaft). - Vgl. E. Samuel, Hat die innere W. einen Vorzug vor der äußern?, 1907: Stumpf, Erscheinungen und psychische Funktionen, 1907; Külpe, Die Philosophie der Gegenwart 1908; I. Kant, 1908; H. Bergmann, Untersuch. zum Problem der Evidenz der innern W., 1908; H. Messer, Psychol. des emotionalen Denkens, 1908; A. Messer, Empfindung und Denken, 1908 (W. enthält schon ein Denken, einen 'vergegenständlichenden Akt'); B. Christiansen, Vom Selbstbewußtsein, 1912 (Das Selbstbewußtsein und das Wissen vom Seelischen ist 'konstruierende Erfahrung', nichts Unmittelbares); A. Monzel, Die Lehre vom inneren Sinn bei Kant, 1913; Scheler, Die Idole der Selbsterkenntnis (Vom Umsturz der Werte II, 1920). - Vgl. Beobachtung, Intuition, Kategorien, Introjektion."

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JÖRG LENAU
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