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John Locke

An Essay concerning Humane Understanding . (1690)

Versuch über den menschlichen Verstand - Band 2, Band 3

Übersetzung von Wilhelm Gottlieb Tennemann (1795)

weitere Übersetzung von Julius Heinrich von Kirchmann (1872/73)

John Locke ist mit Hume und Berkeley im Verbund Vertreter des durch die Sinne entstehenden Verstandeswesens und stellt sich damit konträr zum Verhältnis, welches ursprünglich vor allem durch Plato seinen Präsenzstand erfuhr, wonach die Erkenntnis eine angeborene Gegebenheit im Geiste ist und man regelrecht danach sucht, durch die Spekulation doch zu den höheren Zielen zu gelangen, welche es zu erreichen gilt. Zu seinem Verhältnis hier einmal die Worte von Friedrich Albert Lang aus seinem Buch über die Geschichte des Materialismus:

"Wie er durch einen einfachen Anlaß - durch einen resultatlosen Streit einiger Freunde - auf die Frage nach dem Ursprung und den Grenzen der menschlichen Erkenntnis gekommen sein will, so bedient er sich auch allenthalben einfacher, aber durchschlagender Gesichtspunkte bei seinen Untersuchungen. Wir haben in Deutschland noch heutzutage sogenannte Philosophen, welche in einer Art von metaphysischer Tölpelhaftigkeit große Abhandlungen über die Vorstellungsbildung schreiben - wohl gar noch mit dem Anspruch auf »exakte Beobachtung mittels des inneren Sinns« -, ohne auch nur daran zu denken, daß es, vielleicht in ihrem eigenen Hause, Kinderstuben gibt, in welchen man wenigstens die Symptome der Vorstellungsbildung mit seinen Augen und Ohren beobachten kann. Dergleichen Unkraut kommt in England nicht auf. Locke beruft sich in seinem Kampf gegen die angebornen Vorstellungen auf Kinder und Idioten. Alle Ungebildeten sind ohne Ahnung von unsern abstrakten Sätzen, und doch sollen diese angeboren sein? Den Einwand, daß jene Vorstellungen zwar im Verstande seien, aber ohne dessen Wissen, bezeichnet er als widersinnig. Eben das wird ja gewußt, was im Verstande ist. Auch kann man nicht sagen, daß die allgemeinen Sätze gleich mit dem Beginn des Verstandesgebrauches zum Bewußtsein kämen. Vielmehr ist die Erkenntnis des Speziellen früher. Längst bevor das Kind den logischen Satz des Widerspruchs kennt, weiß es, daß süß nicht bitter ist."

"Locke zeigt, daß der wirkliche Weg der Verstandesbildung der umgekehrte ist. Es finden sich nicht zuerst gewisse allgemeine Sätze im Bewußtsein ein, die sich sodann durch die Erfahrung mit speziellem Inhalte erfüllen, sondern die Erfahrung, und zwar die sinnliche Erfahrung ist der erste Ursprung unsrer Erkenntnisse. Zuerst geben uns die Sinne gewisse einfache Ideen, ein Ausdruck, der bei Locke ganz allgemein ist und etwa das besagt, was die Herbartianer »Vorstellungen« nennen. Solche einfachen Ideen sind die Töne, die Farben, das Widerstandsgefühl des Tastsinnes, die Vorstellungen der Ausdehnung und der Bewegung. Wenn die Sinne solche einfache Ideen häufig gegeben haben, so entsteht die Zusammenfassung des Gleichartigen und dadurch die Bildung der abstrakten Vorstellungen. Zur Empfindung (Sensation) gesellt sich die innere Wahrnehmung (Reflexion), und dies sind »die einzigen Fenster«, durch welche das Dunkel des ungebildeten Verstandes erhellt wird. Die Ideen der Substanzen, der wechselnden Eigenschaften und der Verhältnisse sind zusammengesetzte Ideen. Wir kennen von den Substanzen im Grunde nur ihre Attribute, welche aus einfachen Sinneseindrücken, als Tönen, Farben usw. entnommen werden. Nur dadurch, daß diese Attribute sich häufig in einer gewissen Verbindung zeigen, kommen wir dazu, uns die zusammengesetzte Idee einer Substanz, welche den wechselnden Erscheinungen zugrunde liegt, zu bilden. Selbst Gefühle und Affekte entspringen aus der Widerholung und mannigfachen Verbindung der einfachen, durch die Sinne vermittelten Empfindungen."

"Jetzt erst gewannen die alten aristotelischen oder vermeintlich aristotelischen Sätze, daß die Seele ursprünglich eine »tabula rasa« sei ('tabula, in qua nihil est actu scriptum' findet sich bei Aristoteles de anima III, c. 4), und daß nichts im Geiste sein könne, was nicht vorher in den Sinnen war, die Bedeutung, welche man ihnen heutzutage beizulegen pflegt, und in diesem Sinne können diese Sätze auf Locke zurückgeführt werden."

Locke tritt auch tatsächlich in die Fußstapfen des konträren Entgegenbringes, welches einst von Aristoteles dem Plato entgegen gebracht wird, jedoch zeigen gerade dies beiden konträren monistischen Richtungen in ihrem Kern unübersehbar auf, daß weder noch die 'alleinige' funktionale Gegebenheit sein kann. Im Logos des Unterbewußtseins erkenne ich, wonach man am ermitteln ist. Hierin trifft man auf die Gegebenheiten, die sich als eine von Anbeginn an Präsente stellt und als Bestandteil des Seins über sein Sein ein Abbild dessen als Wirkung vermittelt. Der Logos vermittelt sich im Verbund mit dem Instinkt. Die Logik, welche hingegen der Geist hervorbringt, kommt aus der Erinnerung und ist wie diese zunächst leer. Diese Logik bildet sich im Verlaufe des Lebens im Verbundswesen der Erinnerung aus. Wie man dem entnehmen kann, unterscheiden diese beiden sich durchweg grundlegend voneinander (gerade dies wurde von keinem überhaupt in Betracht gezogen). Was sie vereint, ist das Handlungswesen und darin kann man auch einzig die geistige Logik auf den Logos einrichten und nicht umgekehrt.

Und insofern die inneren Sinne ihre Erachtung erfahren würden, würde darüber auch hervortreten, daß diese nicht der Geist sind, welcher dies vollzieht und dieses sinnliche Abseits dessen seine erforderliche Erachtung finden. Jedoch existieren in deren Betrachtungsweisen einzig die äußeren Sinne als Sinne und der hervorbringende Geist als einziges Interna, worüber ein Hervortreten stattfindet und somit ergibt sich selbst über seine systematische Differenzierung von Sensation, Perception und Apperception nicht, was es hervorbringen müßte, nämlich eine Inbetrachziehung der sinnlichen Wahrnehmung im Inneren abseits des Geistes. So ist Lockes's elementares Aufbringen jedoch die konsequente Erachtung des Verhältnisses der Wahrnehmung, welche dieser als kausale Voraussetzung ersieht, um geistigen Inhalt überhaupt hervorzubringen. In dem Verhältnis steht es jedoch als eine Vorstellung gegenüber der der anderen - als eine Idee, auch wenn er sich pragmatisch auf seine erlebende Erfahrung stützt.

"Indem nun der menschliche Geist, der sich den Sinneseindrücken und auch der Bildung zusammengesetzter Ideen gegenüber bloß rezeptiv verhält, dazu fortschreitet, die gewonnenen abstrakten Ideen durch Worte zu fixieren und diese Worte nun willkürlich zu Gedanken zu verbinden, gerät er auf die Bahn, wo die Sicherheit der natürlichen Erfahrung aufhört. Je weiter sich der Mensch vom Sinnlichen entfernt, desto mehr unterliegt er dem Irrtum, und die Sprache ist die wichtigste Trägerin desselben. Sobald die Worte als adäquate Bilder von Dingen genommen, oder mit wirklichen anschaulichen Dingen verwechselt werden, während sie doch nur willkürliche, mit Vorsicht zu gebrauchende Zeichen für gewisse Ideen sind, ist das Feld zahlloser Irrtümer erschlossen. Lockes Vernunftkritik läuft daher in eine Kritik der Sprache aus, die ihrem Grundgedanken nach wohl von höherem Wert ist, als irgendein andrer Teil des Systems. In der Tat ist die wichtige Unterscheidung des rein logischen und des psychologisch-historischen Elementes in der Sprache von Locke angebahnt, aber, von den Vorarbeiten der Linguistiker abgesehen, bisher kaum wesentlich gefördert worden."

Und hier sind wir dann auch bei meinem 'Brennpunkt' angekommen, mit welchem ich primär konfrontiert bin und Locke in seiner elementaren Gegebenheit richtig erkennt, denn gerade dieser Aspekt ist der Elementare, worin sich fast alle verlieren, da sie es nicht ersehen. Es ist nicht die Tragweite der menschlichen Vorstellung, welche sich als das Verwirrende stellt, denn sie vergeht auch wieder, sondern vielmehr die fixierende 'geschriebene' Sprache, derer man eine unumstößliche Substanz zuspricht, obwohl es sich einzig um ein Bildnis handelt! Gerade darüber werden jedoch die geistigen Pamphlete als vorstellungsgemäßes Seiendes in ihrem Überhang erwirkt, und stellen sich in ihrem Grundsatz gegen das Direktwesen des Bezugsverhältnisses der Wahrnehmung. Es ist kein Zufall, daß auch Locke diese Thematik als eine Grundlegende stellt. Wie Lang darlegt, so fand sein Aufbringen darin nur wenig Aufmerksamkeit. Hierin ist noch reichlich Aufklärungsarbeit notwendig, wofür ich mich auch speziell dazu einrichte. Auch ich habe in Planung, hierzu ein Buch zu verfassen, um das sprachlich-kommunikative Dasein, sowie deren Verfälschungen darin zu beschreiben, jedoch wird dies erst zu einem späteren Zeitpunkt seine Umsetzung erfahren. Über die vorgezogene Erfassung der Bezugsverhältnisse ergibt sich doch reichlich Licht am Ende des Tunnels, was mir vieles erleichtert, da es auf vielfältige Weise Inputs liefert. Hierzu einmal einen Ausschnitt aus Locke's zweiten Buch (21. Kapitel - § 55), welcher exakt meiner Erfahrung entspricht und ein Musterbeispiel über das Polaritätsverhältnis unseres inneren Wirkwesens darlegt (Grundproblem des Unverständnisses gegenüber der Subjektivität im Bezug der Qualia!):

"Nicht das größte positive Gut, sondern die Unlust bestimmt den Willen."

"Das die Vorstellung eines Guts und eines größeren Guts den Willen bestimme, scheint ein so gründlicher, und durch die allgemeine Einstimmung aller Menschen bestätigter Grundsatz zu sein, daß ich mich nicht wundere, wenn ich in der ersten Ausgabe denselben annahm. Und vielleicht werden die Menschen dies für verzeihlicher halten, als daß ich jetzt von dieser allgemein angenommenen Meinung abzugehen wage. Allein nach einer schärferen Untersuchung kann ich nicht umhin zu schließen, daß ein Gut, ja ein größeres Gut, obgleich vorgestellt und anerkannt, doch den Willen nicht bestimme, wenn nicht ein mit demselben verhältnismäßigen Verlangen entsteht, und durch das Bedürfnis eine unangenehme Empfindung erzeugt. Man überzeuge einen Menschen noch so sehr, daß Überfluß der Armut vorzuziehen ist; man lasse ihn erkennen und eingestehen, daß die Bequemlichkeit eines feineren Lebens heller ist, als eine schmutzige Dürftigkeit, alles das wird ihn nicht rühren, so lange er mit der letzten zufrieden ist, und nichts Lästiges in derselben findet; sein Wille wird sich zu keiner Tätigkeit entschließen, um sich in einen anderen Zustand zu versetzen. Wenn ein Mensch bei voller Überzeugung von den Vorzügen der Tugend, daß sie für einen Menschen, der hohe Zwecke in diesem, und große Hoffnungen in dem künftigen Leben hat, so unentbehrlich ist, als Nahrungsmittel für das tierische Leben, noch nicht nach Rechtschaffenheit hungert und dürstet, und keine Unlust über den Mangel derselben empfindet, so wird sich der Wille zu keiner Tätigkeit bestimmen, um diesem erkannten größeren Gut nachzustreben; sondern statt dessen durch andere unangenehme Empfindungen zu andern Handlungen gereizt werden."

Hierin geht es um die erlebte Erfahrung, die sich weitläufig konträr stellt gegenüber dem, was man 'in geistigem Verhältnis' als Seiendes vorgibt. Locke verdeutlicht über diese Worte die Verstrickung, mit welcher der Mensch konfrontiert ist in seinem Realitätsbewußtsein, worin die Mehrheit der Menschen die geistige Vorstellung als das Maß des Seins erachten und sich darüber in entsprechendem Ausmaße konträr stellt zu dem, was tatsächlich ist und das Erleben darüber auch aufweist. So ist mir auch primär die Vermittlung der Unterscheidung von Wahrnehmung und Vorstellung die Bewandtnis, um darüber zu erwirken, daß man 'beides' und getrennt voneinander in Betracht zieht und handhabt. Wie sich das Erlebensverhältnis darin stellt, zeigt sich prädestinierend über Locke's Beschreibung. Es ist vor allem die Verleitung des 'es sei so', was dazu führt, daß man allgemein die Dinge nicht erst in der Erfordernis prüft, ob sie tatsächlich so sind. Dies tun leider nur die Wenigsten und diesen obliegt dann die Schwierigkeit, ihre Position der Absonderlichkeit zu überwinden, um des anderen Augen zu öffnen für das, was das Leben einem darüber darbietet.

Portrait
JÖRG LENAU
GALMERSTR. 36 • 65549 LIMBURG/LAHN
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