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Christian Wolff

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Vernünfftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen ... (1741 - Reprint 2009)

Bezüglich der Bildung des Substantivs Bewußtsein von Christian Wolff möge man sich vorab seine Beschreibung der Inbetrachtnahmen vor Augen führen. Ich habe den markanten Ausschnitt des Textes in mein Buch übernommen, worüber man sich in Verbindung mit meiner Beschreibung zunächst auch einmal ein Bildnis darüber machen kann, welcher Bezug da eigentlich in Betracht gezogen wird. Über seinen beschreibenden Pragmatismus zeigt sich nämlich, daß hierin gar das sprachliche Denken als Maßstab erachtet wird. Dies ist von besonderer Relevanz, da das sprachliche Denken nur eine Form geistiger Vorstellung ist und darüber hinaus auch eine absondernde, aufgrund der eigenständigen Funktionalität der Sprache. Nicht nur in der Beschäftigung mit Sinnesverhältnissen, sondern auch im Denken selbst findet die Vorstellung auch ohne Sprache statt. Hierin findet somit nicht nur die Beseitigung der Differenzierung von Bewußtsein und Denken statt, sondern gleichfalls auch die von Sprache und Vorstellung. Hier einmal den zentralen Teil dessen Ausführung der Inbetrachtnahme aus Kapitel 5.

§ 728. "Das erste, was wir von uns angemercket haben, war, daß wir uns unserer und anderer Dinge ausser uns bewust sind (§.1.), das ist, daß wir wissen, wir stellen uns jetzund viele Dinge ausser uns vor (§.194.). Z.E. Ich weiß es, daß ich jetzund den Spiegel und meine Gestalt in dem Spiegel sehe. Ich weiß es, daß ich den Spiegel in Händen habe, und ihn weglege. Ich weiß es, daß ich an statt des Spiegels das Schnupf-Tuch ergreiffe, und den Flecken wegwische, den ich im Spiegel an dem Gesichte erblicket. Derowegen lasset uns nun untersuchen, wie es zugehet, daß wir uns dessen bewust sind."

§.729. "Wir finden demnach, daß wir uns alsdenn der Dinge bewust sind, wenn wir sie von einander unterscheiden. Als in dem erst gegebenen Exempel bin ich mir bewust, daß ich den Spiegel sehe, wenn ich nicht allein die verschiedene Theile, die ich in ihm wahrnehme, von einander unterscheide, sondern mir auch selbst den Unterschied des Spiegels von anderen Dingen, die ich entweder mit ihm zugleich sehe, oder kurz vorher gesehen, vorstelle. Gleichergestalt bin ich mir bewust, daß ich das Schnupf-Tuch ergreiffe, indem ich es nicht allein von dem Spiegel, den ich vorher in Händen gehabt, sondern auch von den Händen, von dem Tische, wo ich ich es wegnehme, und von anderen Dingen, die ich zugleich sehe, unterscheide. Wenn wir den Unterschied der Dinge nicht bemercken, die uns zugegen sind; so sind wir uns dessen nicht bewust, was in unsere Sinnen fallet. Z.E. Wem einer in einem Buche lieset, der ist sich nicht dessen bewust, was er höret, obgleich der Schall der Worte einmahl wie das andere in seine Ohren fället, und die gewöhnliche Veränderung darinnen verursachet. Und in diesem Falle sagen wir, wenn wir die Ursache anzeigen wollen, warum wir uns dessen nicht bewust sind: wir hätten nicht recht acht darauf gehabt. Wenn wir aber nun untersuchen, was wir denn dadurch verloren, so werden wir nichs anders finden, als daß wir den Unterschied des Schalles, dadurch die Wörter sich zu erkennen geben, nicht bemercket. Denn wir haben wohl gehöret, daß geredet worden, wissen doch aber nicht, was es eigentlich gewesen."

§.730. "Eben hieraus erhellet, wenn wir uns unser bewust sind, nehmlich wenn wir uns den Unterscheid unserer und der anderen Dinge bemercken, derer wir uns bewust sind. Dieser Unterscheid aber zeiget sich sogleich, so bald wir uns der anderen Dinge bewust sind. Denn sollen wir uns dessen, was wir durch unsere Sinnen erkennen, bewust seyn; so müssen wir den Unterschied desjenigen, was wir in ihm wahrnehmen, bemercken, ja auch die Sache, die wir dadurch erkennen, von andern Dingen zugleich unterscheiden (§.729.). Allein sowohl die Vorstellung der Dinge, als auch (welches noch klarer zu seyn scheinet) dieses Unterscheiden ist eine Würckung der Seele, und wir erkennen demnach dadurch den Unterscheid der Seele von denen Dingen, die sie sich vorstellet, und die sie unterscheidet. Und demnach sind wir uns auch unserer bewust (§.729.). Die Erfahrung stimmet mit dem, was ich gesaget, überein. Denn wenn wir an die Würckungen der Seele nicht gedencken, die sich in ihr ereignen, und uns dadurch von denen Dingen, die wir gedencken, unterscheiden; so sind wir uns auch unserer nicht bewust, und, wenn uns alsdenn jemand fragen solte, ob wir uns jetzund unserer bewust wären, würden wir ihm keine andere Antwort geben, als wir hätten jetzund nicht an uns gedacht. Will man nun weiter untersuchen, was denn jetzund gefehlet, da wir an uns selbst nicht gedacht haben, und sonst zugegen ist, wenn wir an uns selbst gedencken; so werden wir nichts anders finden, als daß wir nicht die Würckungen unserer Seele, und dadurch den Unterscheid unserer von dem, was wir gedencken, und vorgestellet haben."

Während Descartes die Erkenntnis mit dem Bewußtsein seiner selbst verankert, begründet hingegen Wolff die Vereinigung dessen im allgemeinen Verhältnis des Bewußtseins über die Voraussetzung der Erkenntnis. Wie zuvor über Descartes dargelegt, bezieht sich das Grundlegende darin eben nicht auf den Geist, sondern auf das erlebende Erfahren (durch den Bewußtsinn) und einzig im Bezug der Inbetrachtziehung des Bewußtseins des(sen) selbst, ist der Geist als bedingende Instanz zur Reflektion daran beteiligt. Man erachte die Inbetrachtnahmen einmal im Verhältnis der (erstinstanzlichen) bewußtwerdenden Wahrnehmung und man wird es darin außen vor stellend antreffen. Das in Betracht gezogene Verhältnis bezieht sich auf das geistige Hervortreten und dabei handelt es sich um das Hervortreten aus der Erinnerung. Als Bezug stellt sich hierin jedoch nicht rein die Kenntnis, sondern gar darüber hinausgehend bedingend die Erkenntnis. Es handelt sich somit um die begriffliche 'ausweitende' Manifestation von Descartes' Aufbringen. Während dieser den Grundstock lieferte für den Beweis der Erkenntnis, der aus sich selbst heraus seine Bestätigung erfährt, verschafft Wolff dem seine substanzielle Eigenart der Präsenz für das Allgemeinwesen. Der Wandel, der sich über die Ausbreitung vollzieht, hängt vor allem mit der philosophischen Ideologie zusammen, worin die geistige Erkenntnis die Grundlage des Bezugsverhältnisses zum Sein begründet. Sie ist so alt, wie die Philosophie selbst. Somit wirkt dies auch als reicher Segen.

Die ursprüngliche Bezugnahme von Descartes war hingegen das lateinische 'conscientia' und damit verbunden (sprachtechnisch) das Wissen, was ja auch Wolff zum Grundstock wurde, aufgrund dessen man sich jedoch etymologisch generell auf ein Bewissen bezieht und der Ursprung von bewust seyn in der Schreibweise in einem Bewußtsein mit zwei 's' endigte. Sachstand war jedoch, daß das Infinitiv 'bewust seyn' (zuvor 'bewüst seyn') eine Eigenständigkeit an Bedeutung hatte, welche weitläufig darüber verloren ging. Hierin hat man der Allgemeinheit einen Sprachgebrauch entrissen, der nach wie vor in seinem eigentlichen Eigensinne der Unterscheidung weitläufig noch im Gebrauche ist. So bewirkte jedoch vor allem die Substantivierung eine bis heute andauernde Auseinandersetzung mit der Gegebenheit dessen Seins. Dies führte gar so weit, daß das Bewußtsein nicht nur zum Synonym wurde für die Seele, sondern gar als Ersatz dafür in Anwendung gelangte. Hierin wirkte somit die Substantivierung wahrlich auch substanzbildend, obwohl man sich der Substanz keinerlei mehr an einer solchen verschaffen konnte, als man an sich darüber verfügte. Gerade dies bewirkte jedoch die unablässige Zuordnung zum Geiste. Hierzu noch einmal die Details.

Bewusstsinn

Um die Unterscheidungen zu verdeutlichen: die bewußtwerdende Wahrnehmung tritt über den Bewußtsinn hervor. Dies gelangt hiernach zur Erinnerung. Aus der Erinnerung heraus werden diese im Geiste projiziert und treten wiederum über den Bewußtsinn als bewußte Wahrnehmung hervor. Das Bewußtsein ist hingegen ein statischer Vorgang, bei welchem das bewußte Sein selbst bewußt (-> Selbstbewußtsein) in Betracht gezogen wird. Dies wird primär über das Verhältnis der Aufmerksamkeit auf die bewußtwerdende Wahrnehmung bewirkt, sodaß dies als ein statischer Zustand des fließenden bewußten Vorganges hervortritt. In der Bewußtwerdung spielt vor allem der Grad der Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle, sodaß man hierin eine Graduierung zwischen unbewußt und bewußt antrifft. Das spezielle 'sich seiner selbst bewußt zu sein', wird hingegen über die reflektierende Projektion der bewußtwerdenden Wahrnehmung im Geiste erlangt, welche über den Bewußtsinn wahrgenommen wird und hierüber diese Selbstbetrachtung der Bewußtwerdung erwirkt. Maßgeblich hierin ist somit, daß es sich sämtlichst um den Akt der Bewußtwerdung handelt und dies über den Bewußtsinn bewirkt hervortritt. So besteht primär die Unterscheidung von Bewußtwerdung und Bewußtsein darin, daß der fließende Vorgang der bewußten Wahrnehmung über den Bewußtsinn stattfindet und ein erwirkendes statisches Verhältnis Zusätzliches bewirkt. Warum diese Klarheit nicht dem gemäß, wie überhaupt der Bewußtsinn nicht als solches in Erscheinung tritt, möchte ich über nachfolgende Veranschaulichung darlegen.

Bewußtwerdungsbezug

Beim Überfahren des Bildnisses per Maus erscheint das Konstrukt, welches man wahrnimmt, wenn man die geistige Vorstellung und spezifisch die Sprache aufmerksamkeitszentriert fokussiert und entspricht aufgrund dieser mißlichen Erachtungsweise dem, was man kennt! Ohne das erforderliche Bezugsverhältnis erscheinen die Gefühle als Empfindungen, die Bewußtwerdung erscheint als ein Teil des Geistigen und dem Verstandeswesen fehlt es des Erfassungsbezuges. Darauf beruht auch das Unbewußtsein gegenüber dem Unterbewußtsein und weiten Teilen der Wahrnehmung generell. Es ist hierin, wie in zwei verschiedene Richtungen blicken. Der Bewußtsinn ist das Zentrum, von welchem aus sich das Erblicken über das Einrichten der Aufmerksamkeit bestimmt. Um somit das Wahrnehmungsverhältnis in seiner sich repräsentierenden Fülle und somit auch das Unterbewußtsein in seiner Präsenz in Erscheinung treten zu lassen und die Wirkmechanismen auch entsprechend nutzen zu können, bedingt es der entsprechenden Einrichtung der Aufmerksamkeit. Hierbei kann man diesen Effekt auch umkehren und das Geistige, in erster Linie vor allem aber auch das Sprachliche, ins Abseits stellen. Hierüber tritt dann hingegen die Fülle der Empfindungen und Gefühle hervor über diesen Effekt des Richtungswechsels.

Den gravierenden Effekt des ins Abseits stellen haben wir in seiner Wirkungsweise zuvor über Descartes erfahren. Derartiges findet maßgeblich über Fixierung der Sprache statt, denn bevor sie inhaltlich überhaupt in Erscheinung treten können, bedingt es der Entfaltung der sprachlichen Inhalte. Diese gelangen somit zunächst zum Erinnerungsvermögen, wo diese ihren inhaltlichen Gehalt erfahren und hierauf im Geiste entfaltet in Erscheinung treten, sodaß eine bewußte Wahrnehmung dessen zuvor und ohne dies gar nicht stattfinden kann. Die weitere maßgebliche Relevanz hierin ist, daß wir uns unseren Sprachschatz nicht selbst bilden gegenüber den erlebten Erfahrungen. Was ergibt sich somit, wenn man die Sprache derart ins Zentrum stellt, wie sie über Wolff auch seine Anwendung findet? Eben nicht die Leere, welche Descartes erfährt über seine Inbetrachtnahme, sondern ein Fülle, die weit davon entfernt steht, ein Selbst-Sein hervorzubringen. Im Gegenteil, warum man im Buddhismus diese Erfahrung genau aus dem Grund auch ganz bewußt als solche handhabt.

Portrait
JÖRG LENAU
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