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Dietrich Tiedemann

Untersuchungen über den Menschen (1777)

Vom Bewußtsein

"Da das Bewußtsein bei allen Gedanken von so großer Wichtigkeit ist, so verdient es unstreitig ein nähere Untersuchung. Diejenigen Philosophen, die versucht haben, es in eine Definition zu bringen, haben durch ihr Beispiel bewiesen, daß dies unmöglich ist; die Unterscheidung einer Vorstellung von der andern, in welchem sie das Bewußtsein bestehen lassen, kommt eigentlich dem Urteil zu, und Bewußtsein ist nicht Urteil. Ein wenig mehr Aufmerksamkeit auf diesen Begriff würde sie gelehrt haben, daß es sich nur fühlen, nicht definieren läßt; man mag ihn fassen wie man will, so entwischt er entweder, oder verwickelt sich in andere Begriffe, mit denen er nicht vermischt werden darf. Sagt man Bewußtsein ist Gefühl, so verirrt man sich in einen Zirkel, wenn man das Gefühl definieren soll, denn Gefühl läßt sich nicht ohne Bewußtsein denken; sagt man, es ist Wissen, oder Überzeugung davon, daß man einen Gedanken hat, so verstrickt man sich in den Begriffen des Wissens und der Überzeugung, denn was ist Überzeugung anderes als Bewußtsein? Mit einem Worte, die Idee des Bewußtseins ist so einfach, daß sie unmöglich in andere aufgelöst, unter ein Genus gebracht, und folglich definiert werden kann."

Die Misere der stattfindenden Erachtungsweisen auf den Punkt gebracht! Bei Tiedemann kann man einmal im Detail erfahren, wie es sich im 'bewußt erlebenden Umgang' damit verhält. Tatsächlich versucht man sich anderweitig in der geistigen 'Erörterung' ein Bildnis zu verschaffen und somit befindet man sie hierin in der reinen Inbetrachtziehung des Geistigen der erinnerungsgebildeten Abbildnisse und Relationsverhältnisse und nicht im Verhältnis der Bewußtwerdung selbst. Der Blick ist hierin nicht auf die bewußtwerdende Wahrnehmung einer reflektiven Selbstbetrachtung gerichtet. Bei Descartes trifft man diese Unterscheidung in seiner sprachlich spezifizierenden Ausführung von '(ego) cogito ergo sum', worin nämlich der Sachverhalt der Beurteilung als ein Zusätzliches über 'das erforderliche ego' mit einbezogen wird. Und bei Hume trifft man es im Verhältnis von 'perception' und 'apperception' an, worin es letztendlich der erforderlichen Trennung entbehrt. Das man es über die 'Gefühle' nicht erfaßt bekommt, ergibt sich hingegen, wie er richtig erkennt daraus, daß es sich um ein Gefühl handelt, was mit der Bewußtwerdung einhergeht. Da jedoch die Gefühle grundsätzlich keine Erachtung erfahren, sondern man sich hierin im Zirkelwesen des Geistigen, abseits des Gefühlswesens bewegt, kann es darin auch gar nicht in Erscheinung treten, da der Geist selbst gefühlsleer ist. Es setzt somit die Existenz eines versinnbildlichten Bildnis voraus. Genau darin besteht auch meine Anwendung über nachfolgende Darstellung, um es sachlich in das geistige Verhältnis einzubringen, wohingegen das Sinnliche einzig pragmatisch erlebend und nicht durch Worte vermittelbar ist.

Bewusstsinn

Man achte bei meiner Verbildlichung einmal auf die Anwendung der Wahrnehmung, bezüglich derer ich die 'regulär' Bewußtwerdene von der des Geistigen separiere. Einzig im geistigen Bezug hat man es nämlich nicht mit sinnlichen Inhalten zu tun, warum sich mir dies auch als reines Funktionsorganwesen separiert. Man vergleiche dies einmal mit Tiedemann's nachfolgender Differenzierung.

"Anstatt also vorgeblich nach Erklärungen zu suchen, ist es besser die verschiedenen Arten des Bewußtseins zu bemerken, und ihre Eigenschaften und Ursachen aufzusuchen. Zwei Haupt-Gattungen sind mir bisher davon vorgekommen: 1.) Bewußtsein, daß wir an eine gewisse bestimmte Sache denken, eine gewisse bestimmte Modifikation erfahren, und 2.) Bewußtsein unseres Daseins."

"Das Bewußtsein einer gewissen Modifikation scheint mir aus der Richtung der Seele auf sie zu entstehen; denn zu der Zeit, da wir unseren ganzen Verstand auf die Auflösung einer verwickelten Frage gerichtet haben, haben wir kein Bewußtsein von allen, oder doch den meisten außer uns vorgehenden Veränderungen; zu der Zeit, da wir uns ganz mit einem einzigen Gedanken beschäftigen, sind wir uns aller übrigen mit ihm verbundenen, und von ihm an sich unzertrennlichen Ideen nicht bewußt; wir denken nicht an die Hände und Füße eines Menschen, so lange wir sein Gesicht mit ganzer Anstrengung betrachten, obgleich die Ideen von den Händen und Füßen unzertrennlich mit der des Kopfes zusammenhängen; einen anhaltenden und nicht gar zu heftigen Schmerz am Körper fühlen wir nicht, so lange uns ein anderer Gegenstand stark beschäftigt. Aus allen diesen Beispielen ist klar, daß wir uns nur dann bewußt sind, daß wir an eine gewisse Sache denken, wenn wir die Seele auf diese Sache richten, und sie von allen übrigen Modifikation entfernen."

"Worin diese Richtung besteht? und wie sie entsteht? die zu erklären fehlen uns Organe und Ideen. Organe, weil wir nicht tief genug in unsere Seele sehen können, um zu erkennen, wie und wodurch sie sich anstrengt, auf einen gewissen Gegenstand richtet, und von allen anderen entfernt, und weil überhaupt von der Seele keine anschauende Kenntnis haben. Ideen, weil wir weder in dem Falle, daß die Seele ein unkörperliches Wesen ist, noch auch in dem, daß sie körperlich ist, uns einige Vorstellung machen können, auf welche Art, und durch welche Mittel, sie von einer Modifikation zur andern mit Anstrengung übergeht."

"Das Bewußtsein unseres Daseins ist eine Folge des ersteren, denn eben dadurch, daß wir uns bewußt sind, wir haben eine gewisse Modifikation, sind wir uns auch bewußt, daß wir existieren; und dadurch, daß das Bewußtsein einzelner Veränderungen fortgesetzt wird, sind wir uns bewußt, daß wir fortfahren zu existieren."

"Beide Arten haben verschiedene Grade, und, so viel ich bisher habe bemerken können, nur zwei vorzügliche. Der erste und niedrigste Grad des Bewußtseins einer Modifikation ist der, wenn man bloß weiß, daß man eine Veränderung leidet, ohne die Veränderung selbst genau zu kennen. Dieser findet sich vorzüglich bei dem plötzlichen Erwachen aus einem tiefen Schlafe, man weiß alsdann, daß etwas da war, welches den Schlaf verscheuchte; aber der Nebel umhüllt die Seele noch so sehr, daß sie nicht weiß, was dieses war, und sich nicht genau besinnen kann, wie ihr jetzt wird. Ferner, bei dem Anwandeln einer Ohnmacht, denn alsdann verschwinden allmählig alle Ideen, eine gewisse fürchterliche Dunkelheit breitet sich über die Seele aus, und sie weiß nicht mehr, was und wie viel sie denkt. In einer großen Entfernung gesehene oder gehörte Dinge bringen eben diese Dunkelheit hervor; man weiß bloß, daß man etwas sieht oder hört, aber nicht was. Eben dies trifft auch bei einer gar zu großen Menge und Mannigfaltigkeit auf einmal in die Seele stürmender Ideen ein, man bemerkt unter dem großen Haufen keine einzig Modifikation besonders; bei einem Anfall von Affekten laufen die Vorstellungen in Menge, und mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit durch die Seele, so daß sie keine einzige heraus heben, und sich ihrer vorzüglich bewußt sein kann."

"Der Grade des Bewußtseins seiner Existenz werden faßt auf eben die Art bestimmt; der niedrigste ist der, da man bloß weiß, daß man existiere, ohne zu wissen, in welchem Umständen, in welcher Lage des Körpers, in welchem Zustande der Seele man sich befindet. Dieser zeigt sich am gewöhnlichsten bei den Annäherungen des Schlafes, in diesem Zeitpunkte verlieren sich alle einzelne Vorstellungen allmählig in Dunkelheit, man weiß nicht mehr was man denkt, in welchen Umständen man sich befindet, nur das weiß man noch kaum, daß man ist. Eine sehr große Müdigkeit, auch ohne Schlaf, tut eben die Wirkung, auch denn sieht man nicht mit offenen Augen, hört nicht mehr was vorgeht, und denkt nichts bestimmtes mehr. Vertiefung in Gedanken bringt eben diese Erscheinungen hervor, man ist so sehr mit einer gewissen Idee, oder einer gewissen Folge von Ideen beschäftigt, daß man nicht mehr weiß, ob man einen Körper hat oder nicht, ob etwas außer uns vorgeht, oder nicht, Cardan und Bieta sind merkwürdige Beispiele hierzu; der Erste geriet einst auf der Reise in ein so tiefes Nachdenken, daß er vom Wege und seiner Absicht nichts wußte, und auch auf die Frage seines Fuhrmanns, wo er ihn hinbringen sollte, und welches der rechte Weg wäre, nichts antwortete; erst am Abend kam er zu sich, und sah mit Erstaunen, daß der Wagen unter einem Galgen still stand; der Letztere dachte über die Erklärung gewisser aufgefangener und geschriebener Briefe so anstrengend nach, daß er viele Stunden hindurch einem Toten gleich sahe, und von dem, was um ihn vorging, nicht das geringste wußte. Kahlmann, und andere Schwärmer, konnten sich gleichfalls allem Bewußtsein der sie umgebenden Dinge entziehen, und allen äußeren Empfindungen den Zugang der Seele verschließen. Es gibt endlich Krankheiten, die dem Menschen alles Bewußtsein äußerer Gegenstände entziehen, und ihn kaum noch einiges dunkle Gefühl seiner Existenz übrig lassen. Man hat einen Kranken gesehen, der auf alles, was man ihn fragte, unordentlich antwortete, als ob er die Frage nicht verstünde, der niemals nach Essen oder Trinken erlangte, auch es, wenn man es ihm in den Mund steckte, nicht einmal hinunter schluckte, der dabei fast immer auf einer Stelle mit verschlossenen Augen ruhig lag; der nach seiner Genesung frug was ihm gefehlt hätte, und warum er in das Krankenhaus gebracht worden wäre: und endlich sehr munter und vernünftig wurde. Dieser hatte also nur bloß ein dunkles Gefühl seiner Existenz, weil er die Fragen beantwortete, aber das Bewußtsein seines Zustandes hatte er völlig verloren."

"Der andere Grad des Bewußtseins seiner Existenz ist der, wenn man auch genau weiß, daß man so und nicht anders ist, daß dieses oder jenes außer uns vorgeht, daß unser Körper in dieser oder jener Lage sich befindet, mit einem Worte, daß man in einem bestimmten Zustande existiert. Von einem dieser Grade geht die Seele zum anderen über, vom schwächsten Bewußtsein zu stärksten, und umgekehrt; es muß also zwischen ihnen noch unzählige mittlere Stufen geben, die sich aber, teils weil sie zu unmerklich sind, um genau unterschieden zu werden; teils auch, weil sie zu schnell vorüber gehen, nicht genau angegeben und bezeichnen lassen. Fühlen kann man sie einigermaßen, wenn man sich bei Annäherung des Schlafes, bei dem Anfange einer Ohnmacht, bei der Trinkkunst vom tiefen Nachdenken, oder auch bei starken Ermüdungen scharf beobachtet. Das Bewußtsein verschwindet endlich ganz, sodaß wir gar nicht wissen, weder was wir denken, noch auch ob wir gar an etwas denken, oder .... Diese Aufhebung erfährt man im tiefen traumlosen Schlafe, in einer Ohnmacht, und in einigen Krankheiten, wohin die bei den Lehrern der Arznei-Kunst sogenannte Ekstase gehörig. In dieser Krankheit, sagt Boerhave, besteht eine gänzliche Stille und Ruhe der Seele, und des Körpers, die Leute sehen aus, als ob sie nachdächten, und wenn sie wieder zu sich selbst kommen, so wissen sie nicht wo sie gewesen sind, ja sie sage, daß sie an gar nicht gedacht haben."

"Die Ursachen dieser Erscheinungen sind verschieden; sie lassen sich aber auf zwei allgemeine zurückführen; den Zustand nämlich des Körpers, und die Eingeschränktheit der Seele."

Im Weiteren verliert dieser sich dann leider in der Verwicklung mit den äußerlich erscheinenden Zuständen des Körperlichen und sein gehaltvolles Ersichten von zuvor geht darin in den Spekulationen gemäß seiner Unkundigkeit der Internas verloren. Man beachte einmal seine Worte bezüglich des Ersichten der Psyche: "Worin diese Richtung besteht? und wie sie entsteht? die zu erklären fehlen uns Organe und Ideen.". Wie prädestinierend sich doch diese beiden Richtungen stellen im Verhältnis meiner Darlegung. Hierin besteht der Kern des Ganzen, denn was durch die Wahrnehmung keine Ersichtung erfährt, kann im Geiste auch keine Abbildung und Spezifizierung erfahren. Dieser sieht gar das Verhältnis zweier Richtungen, jedoch erkennt dieser nur die Umstände des Mißstandes, geht diesem jedoch nicht auf den Grund. Gerade über dieses Verhältnis zeigt sich nämlich überhaupt in aller Deutlichkeit die Präsenz des Bewußtsinns, da sich vor allem damit verbunden aufweist, daß die bewußtwerdende Wahrnehmung weder noch die eines anderen sein kann. Die Vielfalt seiner Beispiele zeigt es bereits auch aus sich selbst heraus auf, doch bedingt es der aufmerksamkeitsbedingten speziellen Inbetrachtziehung, ohne die es unbewußt an einem vorüber zieht, ohne daß man es ersieht.

Dieser verdeutlich aber auch noch ein Anderes, daß es nämlich keineswegs der Begrifflichkeiten bedingt, denn dieser kommt in seinen Beschreibungen sehr wohl ohne die Deklaration von Unbewußtsein aus und trotz dessen steht dieser als Derjenige benannt, welcher dies als erster aufbringt. Er ist somit auch ein absolutes positives Gegenbeispiel gegenüber Christian Wolff, dank seiner vorzüglichen Weitsicht, daß die Sprache dies generell nicht zu vermitteln vermag, was man aus dem Erleben erfährt. Im Gegensatz zu den weitläufigen Handhabungen in der Philosophie kann ein Begriff nämlich auch einzig aus der Beschreibung und somit Definition heraus entstehen, was sie jedoch weitläufig mißachten aus ihren ideologischen Beweggründen heraus. So leitet dessen Ausführung dann auch wieder aus dem Dunkeln heraus, in welches man sich zuvor begeben hatte.

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JÖRG LENAU
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