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THE RELATIVITY OF (HUMAN) BEING

Die Funktionalität substanzieller Präsenzen

Die mentalen Organe

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Der Instinktbegriff

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Georg Toepfer

(Band 2 - )
Georg Toepfer

Instinkt

Dem lateinische Wort »instinctus« liegt das Verb »instinguere« »anstacheln, antreiben« zugrunde, das von »stinguere« »stechen« abgeleitet ist. Das Substantiv erscheint vereinzelt im klassischen Latein, so bei Cicero, Seneca und Tacitus im Sinne von »Anreiz, Antrieb« oder auch »Begeisterung«. Der Ausdruck bezeichnet dabei einen Einfluss, der ein spontan zweckmäßiges Resultat erbringt - bei Cicero z.B. im Sinne einer »göttlichen Inspiration« -, und steht dabei im Gegensatz zu einem Verhaltensantrieb durch Überlegung, Belehrung oder Lernen. Parallel zum Begriff des Antriebs aus göttlichem Instinkt tritt seit der Spätantike das Konzept des Antriebs aus natürlichem Instinkt (»naturali instinctu«; später auch »instinctus naturalis«). Speziell auf Tiere angewandt wird dieser Terminus aber wohl erst im Mittelalter. Allgemein kennzeichnend für den Instinktbegriff ist seine Verortung im Rahmen einer Theorie von konstanten Prozessen der Natur und seine Absetzung vom Begriff der Vernunft des Menschen: Während die durch Instinkt verursachten Verhaltensweisen der Tiere konstant und arttypisch auftreten, erscheint das durch Vernunft geleitete Handeln des Menschen als variabel und in starkem Maße situations- und kulturabhängig. Durch diese Bindung der Instinkte an die Natur der Organismen werden sie mit ihrer körperlichen Organisation assoziiert: Wie morphologische und physiologische Merkmale werden sie als Resultanten der körperlichen Konstitution der Organismen konzeptualisiert und analysiert.

Ein Instinkt ist eine primär nicht auf Lernen oder Einsicht, sondern auf einer erblichen genetischen Grundlage beruhende Disposition für ein bestimmtes, häufig komplexes, aber stereotyp ablaufendes Verhalten.

Antike

Die ersten sachlichen Ursprünge des Instinktkonzeptes lassen sich in der sophistischen Zeit der griechischen Antike finden. Zwar wird in der Sophistik allgemein dem Lernen und der Erziehung für den Wissenserwerb ein großer Wert zugeschrieben, die sophistischen Gelehrten beschreiben aber auch Verhalten der Tiere, das ohne Überlegen, Lernen und Ausprobieren spontan erfolgreich verläuft. Beispiele für ein solches Wissen sind die Kampfmethoden der verschiedenen Tierarten (z.B. das Schlagen mit den Hufen der Pferde) oder das richtige Brüten der Eier durch eine Henne, die dies zum ersten Mal tut. Dieses Wissen wird einer »Weisheit der Natur« zugeschrieben und als »angeboren« angesehen. Auch die Artspezifität und Unveränderlichkeit der angeborenen, typischen Verhaltensweisen wird von den griechischen Autoren - ebenso wie später von Seneca - erkannt.

Aristoteles beschreibt ein instinktives Verhalten durch Beispiele, die in der Folgezeit, besonders im Mittelalter, zu den paradigmatischen Fällen eines Instinktverhaltens werden, nämlich der Nestbau der Schwalben und das Weben eines Netzes durch Spinnen. Er sagt von diesen Leistungen, sie seien das Ergebnis einer Naturfinalität, ohne auf Lernen, Ausprobieren oder Überlegung zu beruhen. Als Instinkte sind damit solche Aktivitäten von Organismen anzusehen, die auf ihre Umwelt bezogen sind, nicht aus Lernen, Ausprobieren oder Einsicht entspringen, und ihrem Überleben (Spinnennetz) oder ihrer Fortpflanzung (Nestbau) dienen. Zwar meint Aristoteles, Aktivitäten dieser Art finden sich auch bei Pflanzen, z.B. im Wachstum ihrer Wurzeln zur Ernährung und in der Bildung der Fruchtblätter zum Schutz des Samens, trotzdem ist der Instinktbegriff aber weitgehend auf die Tiere beschränkt geblieben. Eine gewisse konzeptionelle Nähe hat das instinktgetriebene Verhalten der Tiere bei Aristoteles zum glückhaften Gelingen einer Handlung.

Die antike Lehre der Instinkte ist eine Theorie zur Erklärung des Verhaltens, die einer Lusttheorie entgegengesetzt ist: Sie kann erklären, dass ein Verhalten ausgelöst wird, bereits bevor die lustvolle Erfahrung bei der Erreichung des angestrebten Ziels vorliegt. Als Auslöser des Verhaltens wirkt also nicht nur das Begehren von etwas Lustvollem (siehe: Bedürfnis), sondern auch ein natürlicher Antrieb, der vor jeder Erfahrung wirksam ist. Besonders nachhaltig wird diese Theorie in der Stoa vertreten. Danach ist die Lust nur eine Folge, nicht aber die Ursache und das eigentliche Ziel eines instinktiven Verhaltens. Ein Verhalten werde ausgeführt, weil es naturgemäß erfolge, nicht aber weil es Lust bereite. Als Beleg für diese Auffassung sieht Cicero die Tatsache, dass Lebewesen das Naturgemäße aufsuchen, bevor dieses als lustvoll erkannt sei.

Das antike Instinktkonzept steht in sachlichem Zusammenhang zu den Prinzipien der Selbst- und Arterhaltung. Diogenes Laertius zitiert die Auffassung Chrysipps, der zufolge die Selbsterhaltung der erste Trieb ist, der sich in einem lebenden Wesen rege; das Wachstum der Pflanzen erfolge dagegen ohne einen Trieb. Cicero und die stoischen Philosophen vor ihm machen ein Begehren (»appetitus«; siehe: Bedürfnis) dafür verantwortlich, dass die Tiere zwischen nützlichen und schädlichen Dingen der Außenwelt unterscheiden und sich entsprechend verhalten. Das Streben nach Selbsterhaltung gilt ihm als natürlicher Antrieb des Verhaltens der Tiere. Cicero führt einige Beispiele von Verhaltensweisen an, für deren Ausbildung eine Belehrung keine Rolle spielt, die also von Natur aus, ohne vorangegangene Erfahrung ausgeführt werden (»sine magistro duce natura«), z.B. suchen auf dem Land geborene Schildkröten und Krokodile sofort nach ihrer Geburt das Wasser auf, ebenso junge Enten, die von Hühnern ausgebrütet wurden, auch wenn ihre vermeintlichen Eltern das Wasser meiden. Auch ein vor jeder Erfahrung vorhandenes Wissen über die für sie gefährlichen und nicht gefährlichen Tiere schreiben die antiken Autoren einigen Tieren zu: So fürchten sich nach Hierokles Hühnerküken nicht vor dem Stier, wohl aber vor Wiesel und Habicht. Seneca grenzt ein durch Instinkte geleitetes angeborenes Verhalten scharf von einem erlernten Verhalten ab und schreibt den Tieren ein Wissen vor aller Erfahrung zu (»scientiam non experimento collectam«) (siehe: Lernen; angeboren/erlernt). Die Instinkte zeigen sich bei den Tieren nach Seneca daran, dass sie bei allen Vertretern einer Art gleich sind und sofort nach der Geburt zur Verfügung stehen. Sie ermöglichten ohne irgend ein Nachdenken (»cogitatio«) und Überlegen (»consilium«) ein für die Selbsterhaltung nützliches Verhalten. Im Gegensatz zu den Tieren werde ein Instinkt beim Menschen erst dann wirksam, wenn er von der Vernunft anerkannt worden sei. Der Mensch könne seine Triebe frei beherrschen und sei daher auch für sein Handeln verantwortlich (siehe: Mensch).

Scholastik

Zu einem spezifischen Terminus innerhalb von Beschreibungen von Organismen wird das Wort in der lateinischen Übersetzung der Texte des persischen Gelehrten Avicenna. In offensichtlicher Parallele zu einer Passage der aristotelischen Physik führt Avicenna aus, dass das Bauen von Nestern durch Vögel und das Verhalten der Bienen nicht aus Zufall und nicht durch Überlegung erfolge, sondern geleitet durch einen »instinctus insitu«. In diesem Instinkt seien die Tiere vom Menschen unterschieden, denn er unterliege keinen Veränderungen, sondern laufe stereotyp ab (»non variatur nec differt«).

Der in der Scholastik begründete Instinktbegriff ist im Wesentlichen auf die Tiere bezogen und steht in starker Opposition zum Konzept der Intelligenz und Freiheit im Handeln des Menschen. Die Instinkte stehen nach scholastischer Lehre mit der Sinnlichkeit in unmittelbarem Zusammenhang; sie werden als Ausdruck der sinnlichen Seele (»anima sensitiva«) der Tiere verstanden, die von der vernünftigen Seele (»anima intellectualis«) des Menschen grundsätzlich unterschieden wird. In diesem Sinne verallgemeinert Thomas von Aquin den Instinktbegriff, wie er von Avicenna eingeführt wird, und macht ihn zu einem universalen Erklärungsprinzip für das Verhalten der Tiere: »causa autem operationum brutorum animalium est instinctus quidam«. Nach dem scholastischen Wortverständnis ist ein Instinkt eine die Lebewesen lenkende Kraft, die den anorganischen Grundkräften gleichgesetzt wird. Für den Menschen schließt Thomas das Vorhandensein von Instinkten nicht ganz aus. Vielmehr sieht er im Instinkt auch eine innere, von Gott her kommende Kraft, die den Menschen zum Glauben führe. Die natürlichen Instinkte der Tiere sieht Thomas ebenso durch Gott eingepflanzt; sie würden wirksam, bevor die Tiere selbst Erfahrungen gemacht hätten: Dank ihres Naturinstinkts wüssten die Tiere von dem für sie Schädlichen und Nützlichen und verhielten sich dementsprechend. Dieses Wissen liege auch dann vor, wenn es nicht direkt aus der Sinnlichkeit entspringen könne, weil das Objekt, auf das reagiert wird, in seinen rein sinnlichen Eigenschaften noch keine Bedrohung oder Lockung in sich habe: Ein Schaf fliehe z.B. vor einem Wolf, auch wenn der bloße Anblick des Wolfes für das Schaf nicht schädlich sei. In anderen Beispielen schließt auch Thomas wieder an die Beispiele Aristoteles' an, wenn er erläutert, der Instinkt stehe hinter dem Nestbau der Schwalbe und dem Weben eines Netzes durch die Spinne. Immer ist es aber eine sinnliche Dimension, die mit den Instinkten verbunden ist, sie zielen nach scholastischer Lehre nicht - wie es der Erkenntnis des Menschen möglich sei - auf eine abstrakte Einsicht, sondern auf die angenehme Empfindung.

Frühe Neuzeit

Bei dem zum extremen Mechanismus tendierenden spanischen Arzt Gómez Pereira im 16. Jahrhundert schwankt die Bedeutung des Instinktbegriffs zwischen einem geistigen und einem rein materiellen Vermögen, das den Lebewesen als Maschinen eingebaut sei. R. Descartes meidet meist die Rede von Instinkten. Wenn er den Ausdruck doch verwendet, setzt er ihn dem Denken entgegen und verwendet ihn, um zu begründen, dass den Tieren trotz ihres zweckmäßigen Verhaltens kein Denken zugeschrieben werden müsse, sondern sie ähnlich wie eine Uhr von einem inneren Triebwerk angetrieben vorzustellen seien.

Eine intensive Diskussion über Bedeutung und Umfang des Instinktbegriffs setzt in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Frankreich ein. J. Guibelet bestimmt den Instinkt 1631 als eine angeborene Fähigkeit, die der Mensch mit den Tieren gemeinsam habe. Über den Instinkt sei jedem Tier mitgeteilt, was es zu tun habe. Indem der Instinkt die Bewegungen zu einem Ziel führe, ohne dass dabei Bewusstsein oder Wollen eine Rolle spiele, stelle er eine Art Kraft dar. Auch den Pflanzen und selbst den Steinen schreibt Guibelet manchmal die Leitung durch einen Instinkt zu. Einen in den Grundzügen ähnlichen Instinktbegriff hat P. Chanet. Auch er interpretiert den Instinkt funktional als eine auf die Selbst- und Arterhaltung gerichtete organische Kraft.

M. Cureau de la Chambre wendet 1648 gegen Guibelet und Chanet ein, dass die Zuschreibung eines Instinkts eine Empfindungsfähigkeit voraussetzt; Pflanzen und empfindungslose Tiere verfügten daher über keine Instinkte. Der Instinkt wird hier nicht der Vernunft entgegengesetzt, sondern als ein sie unterstützendes Vermögen verstanden. Über den Instinkt seien den Tieren Bilder in der Seele mitgegeben, die ihr Verhalten der Sympathie und Hinwendung zu einigen Objekten und der Abneigung und Abwendung von anderen bewirken würden. Das Ziel des instinktiv geleiteten Verhaltens ist nach Cureau de la Chambre in erster Linie die Erhaltung der Art, nicht die des einzelnen Individuums; denn die Art erhalte sich über die einzelnen Individuen hinweg. Der Instinkt erscheint hier, ähnlich wie zuvor bei Gassendi, als ein erbliches Wissen.

18. Jh.: Instinkte als »angeborene Kunst«

Unterschieden wird das über Instinkte erhaltene Wissen der Tiere von dem individuell erworbenen Wissen. Immer wieder wird dabei darauf hingewiesen, dass viele Tiere ein instinktives Wissen besitzen, das über ihr Einsichtsvermögen weit hinausgeht. So liefert D.-R. Boullier 1737 eine Definition des Instinktbegriffs, in der ausdrücklich auf das Fehlen von Gewohnheit (»habitude«), Belehrung und Erfahrung verwiesen wird (»les Individus n'ont besoin ni de règle ni d'expérience«). Aufgrund ihrer Unabhängigkeit von Erfahrungen und Gleichförmigkeit bei allen Mitgliedern einer Art gelten die Instinkte für Boullier als eine angeborene Kunst (»un art inné«). Boullier erwägt es auch, Instinkte als eine Art von Vernunft (»une Raison particuliére«) anzusehen. Sie bilden in seiner Beschreibung insgesamt ein System von angeborenen Vermögen zur Initiation und Regulation von komplexen Bewegungsabläufen, die funktional auf die Erhaltung und Fortpflanzung von Organismen bezogen sind.

Erstaunlich und einer besonderen Erklärung bedürftig erscheinen vielen Autoren die Komplexität und zweckmäßige Voraussicht der Verhaltensweisen, die auf Instinkte zurückgeführt werden. Die Voraussicht übersteige dabei vielfach die Einsichtsfähigkeit der Tiere. So stellt D. Hume 1748 fest, dass der Instinkt den Tieren ein zweckmäßiges Verhalten ermöglicht, das den Grad ihrer normalerweise gezeigten Einsicht weit übersteigt (»which much exceed the share of capacity they possess on ordinary occasions«). Später finden sich bei G. Cuvier ähnliche Feststellungen (»pour être attribuées à l'intelligence, [les actions instinctifs] supposeraient une prévoyance et des connaissances infiniment supérieures à celles qu'on peut admettre dans les espèces qui les exécutent«). Ende des 19. Jahrhunderts heißt es bei B. Altum: »Das Thier besitzt nur sinnliche Vorstellungsverbindungen, aber kein geistiges Abstractionsvermögen, es denkt nicht, reflectirt nicht, setzt nicht selbst Zwecke, und wenn es dennoch zweckmäßig handelt, so muß ein Anderer für dasselbe gedacht haben. Es handelt ohne allen Zweifel nach Gesetzen, aber diese Gesetze sind ihm nicht proponirt, werden nicht von ihm menschlich verstanden und angenommen, sondern sie sind ihm immanent«. Ausdrücklich als Beleg für eine übernatürliche Kraft führt E. Wasmann das komplexe instinktive Verhalten von Insekten an (»Der Kunsttrieb des kleinen Käfers bietet uns [...] einen ebenso klaren als anziehenden Beweis für das Dasein eines überweltlichen, unendlich weisen Gottes«). Aufgrund seines bloß »sinnlichen Erkenntnis- und Strebevermögens« und seiner »Überlegungsunfähigkeit« schreibt Wasmann den Insekten zwar eine »Seele«, aber keinen »Geist« zu: »das Seelenleben der Thiere ist nie und nimmer ein Geistesleben«.

E.B. de Condillac bestimmt in der Mitte des 18. Jahrhunderts den Instinkt der Tiere als eine aus ihren Bedürfnissen entstandene Gewohnheit, die ohne Reflexion ausgeführt wird. Der Instinkt sei beim Erreichen seines Zieles sicherer als die Vernunft, wenn er auch Täuschung und Irrtum nicht ganz ausschließe. Im Gegensatz zu den auf das Theoretische und Abstrakte, z.B. das Wahre und Schöne, gerichteten Kenntnissen des Menschen, führten die durch den Instinkt geleiteten Urteile der Tiere zu praktischen Kenntnissen (»connoissances pratiques«) und zu dem, was für ihre Erhaltung nützlich sei. Wie bei Condillac ist es an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert allgemein üblich, die Instinkte nach la marckistischem Modell aus der Gewohnheit abzuleiten. In seiner Abhandlung über die »Kunsttriebe« der Tiere entwickelt H.S. Reimarus 1760 eine Klassifikation der Triebe, die für alle späteren Systeme grundlegend ist. Allgemein bestimmt Reimarus die Triebe teleologisch über ihre Funktion: »Alle Kunsttriebe aller Thiere zielen entweder auf das Wohl und die Erhaltung eines jeden Thieres nach seiner Lebensart; oder auf die Wohlfahrt und Erhaltung des Geschlechtes oder der Nachkommen«.

Eine materialistische Interpretation eines Instinkts liefert D. Diderot 1778, indem er einen Instinkt als eine Kette (»enchaînement«) von Bewegungen beschreibt, die sich aus der speziellen körperlichen Organisation (»organisation«) eines Tieres und den Umweltbedingungen ergibt und auf die Erhaltung des Individuums gerichtet ist. Auf dieser Grundlage können die Instinkte als komplexe Bewegungsfolgen mittels einer Kette von Reflexen gedeutet werden (im Sinne des Konzepts der Reflexkette; siehe: Verhalten/Reflex): Das Ergebnis einer Reflexbewegung wirkt als Auslöser einer anderen Bewegung. Das Modell einer Reflexkette geht aus der Verbindung von Reflexphysiologie und Assoziationspsychologie hervor und wird Mitte des 19. Jahrhunderts durch A. Bain und I.M. Sechenov zu einer Theorie komplexer Bewegungen entwickelt. Die Analyse von Bewegungen als Aneinanderkettung elementarer Reflexe soll eine rein physiologische Erklärung dieser Bewegungen ermöglichen.

Gegen die lamarckistische Ableitung der Instinkte aus der Gewohnheit wendet sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts J.J. Virey. Er stellt Instinkt und Intelligenz scharf einander gegenüber und schreibt ihnen einen anderen Ursprung zu: die Intelligenz der individuellen Erfahrung, den Instinkt aber einem vor das individuelle Leben zurückreichenden Erbe. Die Instinkte entwirft Virey als funktional äquivalent zur Intelligenz: Je höher die Intelligenz ausgebildet sei, desto geringer die Instinkte (»plus cet animal jouira des prérogatives de l'intelligence, mais moins son instinct se manifestera audehors«).

Instinkte bei Pflanzen?

Aufgrund der allgemeinen Definitionen des Instinktbegriffs wird Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur bei den Tieren, sondern auch für die Pflanzen ein durch Instinkte geleitetes Verhalten diagnostiziert. T. Percival sieht den Instinkt als die Fähigkeit, das mit der eigenen Natur Zusammenstimmende zu suchen und das ihr Entgegenstehende zu meiden, ohne dass dabei Erfahrung, Wissen oder Freiheit eine Rolle spiele. Das Wachstum einer Wurzel in die Erde ist danach ebenso durch einen Instinkt geleitet wie das Verhalten der Tiere. Ähnlich heißt es 1811 bei J.P. Tupper, der Instinkt (der Pflanzen und Tiere) sei eine zweckmäßige Disposition, ohne Willen (»deliberation«), ohne Reflexion und ohne Wahrnehmung der angestrebten Ziele.

Seit den frühen 1820er Jahren erwägen es einige Autoren, Instinkte auch bei Pflanzen anzunehmen. Dies erfolgt in erster Linie mit Hilfe des Begriffs Pflanzentrieb . J.E. von Berger ist 1821 der Auffassung, es sei »die Reproduction der Gattung das höchste Moment des vegetativen Lebens«, und er spricht von einer »Allmacht des Triebes in der ganzen Natur« und dem »mächtigen Pflanzentrieb«. Dieser Pflanzentrieb wird auch bei anderen Autoren mit Wachstum und Fortpflanzung verbunden. Nach H. Ulrici (1866) offenbare sich ein »Pflanzentrieb« im gerichteten Wachstum, z.B. in der Unterscheidung von Helligkeit und Dunkelheit. Allgemein etablieren kann sich die Rede von Instinkten bei Pflanzen allerdings nicht. G. Bateson brandmarkt die Zuschreibung von Instinkten zu Pflanzen 1969 als einen »Zoomorphismus«, der für die Botanik genauso »schlimm« sei wie der Anthropomorphismus für die Zoologie.

Instinkt und Trieb

»Instinkt« und »Trieb« werden im Deutschen vielfach als synonym verstanden. Das Substantiv Trieb geht auf das Verb »treiben« (ahd. »triban«, engl. »drive«) mit der allgemeinen Bedeutung »in Bewegung setzen« zurück. Es bezieht sich ursprünglich auf das Treiben des Viehs, seit dem 16. Jahrhundert gewinnt es die allgemeinere Bedeutung »Eifer, innerer Antrieb«. Im Sprachgebrauch seit der Antike wird dem Ausdruck »Trieb« eine weitere Bedeutung als »Instinkt« zugeschrieben, insofern im Instinktbegriff die irrationale Komponente ein dominierendes Gewicht hat, beim Menschen z.B. im Sinne eines »irrational glückhaften Handelns«, die im Triebbegriff nicht vorliegen muss. Nicht jede Triebhandlung muss also eine naturhaft-irrationale Grundlage haben und insofern eine Instinkthandlung sein.

So bezeichnet das Wort »Trieb« bei den philosophischen Klassikern des deutschen Idealismus vielfach in eindeutiger Weise eine nicht naturale Anlage. Ausdruck findet diese Wortverwendung 1764 in I. Iselins Vorstellung von einem »Trieb zur Vollkommenheit« als dem »unterscheidenden Kennzeichen der menschlichen Natur«. Iselin schließt sich dabei einem Gedanken J.J. Rousseaus an, der 1755 in der Fähigkeit zur Vervollkommnung (»faculté de se perfectionner«; »perfectibilité«) ein Merkmal des Menschen als Individuum und als Gattung sieht, das gerade der instinktgeleiteten, auf einem Vollkommenheitsniveau verbleibenden Existenzweise der Tiere entgegengesetzt sei (»la Bête, qui n'a rien acquis et qui n'a rien non plus à perdre, reste toujours avec son instinct«).

In einem auf das Biologisch-Naturale bezogenen Sinn erscheint der Triebbegriff dagegen 1760 in H.S. Reimarus' Konzept des Kunsttriebes der Tiere. Dieses bezeichnet die Motivationsgrundlage für diejenigen biologisch funktionalen Verhaltensaspekte der Tiere, die auf Selbsterhaltung und Fortpflanzung gerichtet sind. Reimarus weist auch auf die erbliche Grundlage der Triebe hin: »Ein großer Theil der Kunsttriebe wird von der Geburt an, ohne alle äußere Erfahrung, Unterricht oder Beyspiele, und doch ohne Fehl ausgeübet; und ist also gewiß natürlich angeboren und erblich«. Eine ebenso eindeutig biologische Fundierung weist J.F. Blumenbachs Begriff des Bildungstriebes auf, »die erste wichtigste Kraft zu aller Zeugung, Ernährung und Reproduction«. Im Anschluss an diese Einbettung des Triebbegriffs in allgemeine Theorien des Organischen bindet I. Kant in den 1790er Jahren seinen Begriff eines Triebes beim Menschen an die »Anlage für die Thierheit im Menschen«, d.h. die nicht-vernunftgeleiteten Motivationsaspekte des Verhaltens.

Im Anschluss an den älteren und umfassenderen Triebbegriff hält sich daneben aber auch die Bedeutung von »Trieb« zur Bezeichnung nicht nur der naturbedingten, dranghaften Verhaltensmotivationen, sondern gerade auch der durch Überlegung und Vernunft geleiteten. So formuliert J.G. Fichte 1800: »Die Selbstthätigkeit im Menschen, die seinen Charakter ausmacht, ihn von der gesammten Natur unterscheidet, uns außerhalb ihrer Gränzen setzt, muß sich auf etwas ihm Eigenthümliches gründen; und dieses Eigenthümliche eben ist der Trieb. Durch seinen Trieb ist der Mensch überhaupt Mensch«. Der Trieb wird von Fichte allgemein definiert als »eine innere sich selbst zur Kausalität bestimmende Kraft« und »das höchste, und einzige Princip der Selbstthätigkeit in uns; er allein ist es, der uns zu selbstständigen, beobachtenden, und handelnden Wesen macht«.

Auch in den frühen Theorien zur Tierpsychologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildet »Trieb« kein Konzept, das zur Differenzierung zwischen dem Verhalten von Mensch und Tier Einsatz findet. W. Wundt bezeichnet als »Trieb« 1874 allgemein »eine Gemüthsbewegung, die auf zukünftige Eindrücke gerichtet ist«. Er bekennt sich damit explizit zu einer teleologischen Fundierung des Triebbegriffs. Als »innere Bestimmungsgründe« des Verhaltens sind die Triebe für Wundt ausdrücklich etwas den Menschen mit den Tieren Verbindendes: »Nicht in der Freiheit von Trieben oder ihrer Bezwingung besteht also die Errungenschaft der Cultur, sondern in einer Vielseitigkeit derselben«. In diese Richtung weist es auch, wenn F. Nietzsche die Triebe 1883 als »höhere Organe« bezeichnet und damit die später praktizierte parallele Analyse von Verhaltensdispositionen und morphologischen Merkmalen als in der Evolution entstandene Einrichtungen vorbereitet.

19. Jh.: Versuche zur Integration in die Physiologie

Trotz der frühen Versuche einer physiologischen Explikation des Instinktbegriffs im 18. und 19. Jahrhundert gelingt seine Integration in die physiologischen Theorien doch nicht vollständig, so dass er eine theoretisch isolierte Stellung aufweist und von verschiedener Seite ausdrücklich abgelehnt wird. Die Ablehnung kommt dabei aus entgegensetzten Richtungen: Von den stärker deskriptiv orientierten Biologen wird er abgelehnt, weil mit ihm - einem von der scholastischen Tradition geprägten Begriff - eine starke Entgegensetzung des Verhaltens von Menschen und Tieren transportiert wird. Gesucht wird aber ein einheitlicher theoretischer Rahmen, der auf Mensch und Tier gleichermaßen Anwendung findet. So unternimmt es P. Scheitlin 1840, die Tier- und Menschenpsychologie mit dem gleichen begrifflichen Instrumentarium zu bestreiten und lehnt Differenzbegriffe wie den des Instinkts ausdrücklich ab. Tier und Mensch sind in psychologischer Hinsicht nach Scheitlin in einer kontinuierlichen Stufung von seelischen Vermögen miteinander verbunden; die Tiere würden ebenso über ein Denken verfügen wie der Mensch über Instinkte. Die »Thierseele« könne daher nicht der Menschenseele »contradictweise entgegengesetzt« sein, denn auch für die Tiere gebe es »Wahrheit«; denn sie würden über Sinneszeugnisse und ein Wollen verfügen. In ähnlicher Weise argumentiert A. Brehm 1864 im ersten Band seines »Thierlebens« gegen den Instinktbegriff als ein Konzept, das eine grundsätzliche Scheidung zwischen Tier und Mensch rechtfertigen könnte: »Es zeugt von ebensoviel Hochmuth als Unverstand, wenn der Mensch mit hohlem Stolze alle höheren Geistesthätigkeiten für sich beansprucht und dem Thiere vornehm nur unbewußten Trieb, gleichsam zur Ahnung statt zur Erkenntniß läßt«. Von anderer Seite wird der Begriff des Instinkts abgelehnt, weil er als metaphysisch und unwissenschaftlich gilt. So stellt L. Büchner den Begriff 1855 auf gleiche Ebene wie »Lebenskraft« (siehe: Vitalismus).

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird der Begriff daher durch andere, in die mechanistisch orientierte Physiologie besser integrierte Konzepte abzulösen versucht. So verwendet J. Loeb statt »Instinkt« den Ausdruck »Tropismus« (siehe: Selbstbewegung). Allgemein üblich wird es aber, Instinkte als eine komplexe Form von Reflexen (siehe: Verhalten) zu interpretieren. So beschreibt H. Spencer 1855 den Instinkt als eine zusammengesetzte Reflexhandlung (»compound reflex action«), und er hält eine scharfe Abgrenzung von Instinkt und Reflex für nicht möglich. Er bilde sich aus der Koordination vieler einzelner Stimuli zu einem handlungsauslösenden Gesamtstimulus und ermögliche auch die Einbeziehung individuell erworbener Erfahrungen. Diese Sicht des Instinktes ist bis zum Ende des Jahrhunderts bestimmend. W. James ist 1890 der Auffassung, alle Instinkthandlungen würden dem generellen Muster eines Reflexes entsprechen, insofern sie durch Sinnesreize ausgelöst würden: »The actions we call instinctive all conform to the general reflex type; they are called forth by determinate sensory stimuli in contact with the animal's body, or at a distance in his environment«. Noch 1920 heißt es bei H.E. Ziegler: »Die Instinkte sind mit den Reflexen zusammenzustellen. Sie unterscheiden sich von ihnen nur durch die größere Kompliziertheit, insbesondere dadurch, daß sie nicht nur eine Tätigkeit eines Organes, sondern Handlungen des ganzen Individuums bedingen«. Auf neurophysiologischer Ebene unterscheidet Ziegler zwischen »ererbten Bahnen des Nervensystems« und »individuell erworbenen Bahnen« und kann auf dieser Grundlage der Modifikation von Instinkten durch individuelles Lernen Rechnung tragen.

Experimentelle Untersuchungen von instinktiven Verhaltensweisen erfolgen seit dem 19. Jahrhundert. Der frühe Ethologe D. Spalding führt in den 1870er Jahren Versuche zum instinktiven Verhalten bei Hühnchen durch. Er versieht die Küken, bevor sie aus dem Ei geschlüpft sind, mit einer Maske und zeigt, dass sie bestimmte Verhaltensweisen zeigen, ohne diese zuvor offensichtlich gelernt zu haben.

Neben den Versuchen zur physiologischen Untersuchung und Explikation findet der Instinktbegriff im 19. Jahrhundert auch von philosophischer und biotheoretischer Seite viel Aufmerksamkeit. Als zentrales Prinzip des Organischen und als besonderen Ausdruck eines universalen Willens in der Natur interpretiert A. Schopenhauer den Instinkt. Er definiert den Instinkt als ein »Wirken wie nach einem Zweckbegriff und doch ganz ohne denselben«. Der Instinkt gibt nach Schopenhauer »das Allgemeine, die Regel« eines Verhaltens; er ist gegenüber dem durch den Intellekt geleiteten Handeln der höheren Tiere und des Menschen durch eine größere Stabilität und Sicherheit gekennzeichnet. Weil das instinktgeleitete Verhalten der Tiere oft im Dienst der Fortpflanzung steht und damit gegen die Selbsterhaltung des Individuums gerichtet sein kann, bezeichnet Schopenhauer den Instinkt als einen »Wahn«, »vermöge dessen ihm als ein Gut für sich selbst erscheint, was in Wahrheit bloß eines für die Gattung ist«. Durch seine Instinkte werde das Individuum »der Betrogene der Gattung«, denn die »Zwecke der Gattung«, insbesondere der Trieb zur Fortpflanzung, würden »dem persönlichen Interesse der dargestellten Individuen zuwiderlaufen und daher das Glück derselben zu untergraben drohen« (schon Kant spricht vom »Gängelwagen des Instincts«, der eine Person von ihren vernünftigen Handlungen fortführen könne). Umgekehrt erscheint Schopenhauer der Fortpflanzungsinstinkt als »der Genius der Gattung«: »alles beruht darauf, daß die Gattung, als in welcher die Wurzel unsers Wesens liegt, ein näheres und früheres Recht auf uns hat, als das Individuum; daher ihre Angelegenheiten vorgehn«.

Instinkt und Evolution

Mit der Evolutionstheorie wird die naturhistorische Kontinuität von Tier und Mensch auf eine theoretisch überzeugende Grundlage gestellt. Auch das Konzept des Instinkts wird im Zuge dieser Entwicklung zu einem Mensch und Tier verbindenden Prinzip. C. Darwin zeigt in einer vergleichenden Perspektive anhand vieler Beispiele, wie mimische und gestische Ausdrücke des Menschen - die »Gemütsbewegungen« (»expressions of the emotions«) - eine instinktive Grundlage haben. Darwin versteht unter einem Instinkt, der klassischen Bestimmung gemäß, eine Aktion von Tieren, die nicht aus Erfahrung und nicht aus Einsicht erfolgt. Er erklärt ihre Entstehung, ebenso wie die körperlicher Merkmale durch Natürliche Selektion, wenn diese bei der Hervorbringung komplexer Instinkte auch schrittweise ablaufe: »No complex instinct can possibly be produced by natural selection, except by the slow gradual accumulation of numerous, slight, yet profitable, variations«. Darwin unternimmt es also, die Instinkte genauso wie die morphologischen Merkmale der Organismen als durch die Selektion geformt zu betrachten und zu analysieren. Durch die schrittweise Wirkungsweise der Selektion sieht er darin keine grundsätzliche Schwierigkeit: »I can see no difficulty in natural selection preserving and continually accumulating variations of instinct to any extent that may be profitable«. Konkret schreibt er zu den komplexen Instinkten der Biene, diese könnten sukzessive entstanden sein: »the most wonderful of all known instincts, that of the hivebee, can be explained by natural selection having taken advantage of numerous, successive, slight modifications of simpler instincts«. Neben der Erklärung der Instinkte durch Natürliche Selektion (und der teilweise offenen Ablehnung lamarckistischer Überlegungen) stützt sich Darwin an anderer Stelle auch auf ein lamarckistisches Modell, dem zufolge die Instinkte allmählich aus gewohnheitsmäßigen Verhaltensweisen entstehen: »Actions, which were at first voluntary, soon became habitual, and at last hereditary, and may then be performed even in opposition to the will«.

Lamarckistische Elemente in der Erklärung der Entstehung der Instinkte sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet (siehe: Lamarckismus). Aus ursprünglichen Gewohnheiten entstanden seien sie im Laufe der Zeit erblich geworden. G.J. Romanes unterscheidet 1883 zwischen primären Instinkten, die durch die Natürliche Selektion entstanden seien, und sekundären Instinkten, die ursprünglich als Handlungen der Intelligenz aufgetreten seien. Auch W. Wundt erklärt die Instinkte ausgehend von ursprünglichen »Willensakten«, die im Laufe der individuellen oder phylogenetischen Entwicklung »mechanisiert« worden seien. Kritisiert wird dieser Ansatz zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Hinweis, es handele sich um eine anthropomorphistische Konzeption, die insofern irreführend sei, als viele niedere Tiere Verhaltensweisen zeigten, die weit über ihrem Einsichtsvermögen stünden und daher nicht in ursprünglichen Willensakten gründen könnten. A. Weismann wendet sich schon früh eindeutig gegen eine Vererbung von Instinkten nach dem lamarckistischen Modell der Vererbung erworbener Eigenschaften. Er ist 1883 der Meinung, »dass alle Instinkte rein nur durch Selection entstehen, dass sie nicht in der Uebung des Einzellebens, sondern in Keimesvariationen ihre Wurzel haben«.

Deutlich für eine evolutionäre Betrachtung und Erklärung der Instinkte plädiert 1891 auch H.E. Ziegler: »Die Principien, welche für die morphologische Betrachtung der Organe aufgestellt sind, sie gelten alle auch für die Instincte; auch hinsichtlich dieser spricht man von Homologie, Analogie und Parallelentwicklung, von individueller Variation, natürlicher Züchtung und daraus resultirender Zweckmäßigkeit«. Später wird diese Auffassung systematisch von den Gründungsvätern der Vergleichenden Verhaltensforschung (siehe: Ethologie), von O. Heinroth, C.O. Whitman und besonders K. Lorenz, ausgearbeitet. Whitman formuliert 1899 den viel zitierten Satz: »Instinct and structure are to be studied from the common standpoint of phyletic descent«. Bei Lorenz heißt es rückblickend: »Die Entdeckung der Homologisierbarkeit von Bewegungsweisen ist der archimedische Punkt, von dem aus die Ethologie oder vergleichende Verhaltensforschung ihren Ursprung genommen hat«. Die Vergleichende Verhaltensforschung sei erst dadurch möglich geworden, dass Verhaltensweisen als homolog zu einander beurteilt werden können.

Definitionsversuche am Ende des 19. Jh.

In den Definitionen des Instinktbegriffs am Ende des 19. Jahrhunderts wird der spontane, angeborene und arttypische Charakter der Instinkte betont. Deutlich wird dies in der Definition, die G. Romanes, ein Freund Darwins, in seinem Werk »Animal Intelligence« in den 1880er Jahren gibt. Romanes definiert einen Instinkt als »geistige Handlung«, die auf eine der individuellen Erfahrung vorausgehende adaptive Bewegung gerichtet ist, sich ohne notwendige Einsicht in das Verhältnis von Mittel und Zweck vollzieht und unter den gleichen Umweltbedingungen von allen Mitgliedern einer Art ausgeführt wird. In ähnlicher Weise hebt C. Lloyd Morgan um die Jahrhundertwende das Angeborene und für eine Art Charakteristische der Instinkte hervor. Er bezeichnet die Instinkte als »ererbte« Verhaltensweisen, die eine »bestimmte Regelmäßigkeit des Verlaufs« zeigen und von »der individuellen Erfahrung unabhängig« seien, als »fix und fertige Dinge«, wie er sagt. Eine klare Abgrenzung von Reflexen und Instinkten erscheint Lloyd Morgan nicht möglich; zwischen beiden bestehe ein Kontinuum. Die beiden Enden des Kontinuums sollen aber doch voneinander abgehoben werden: Reflexe sind nach Lloyd Morgan »örtlich begrenzte Reaktionen auf spezialisierte Reize, Instinkte dagegen mehr zusammengesetzte Handlungsweisen«.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden einzelne Verhaltensweisen, die als Ausdruck eines Instinktes interpretiert werden, als Instinkthandlungen oder Instinktbewegungen bezeichnet (siehe: Verhalten). Für W. Wundt, der diese Formulierung im Deutschen verbreitet, bilden die Instinkte die »angeborenen thierischen Triebe«. Als Gegenstand der Psychologie betrachtet er die »inneren Bestimmungsgründe« für die »Handlungen« der Tiere. Eine Abgrenzung von Trieb- und Instinkthandlungen schlägt G. Glogau 1880 vor: »Triebhandlung« will er für eine Tätigkeit verwenden, die als Reaktion »direct auf physische Reize erfolgt«; bei einem »Instinct« schiebe sich dagegen »zwischen die physische Erregung und die Körperbewegung (vermöge der Erinnerung) eine kürzere oder längere Vorstellungskette«. Anders als im automatisch ablaufenden Trieb, bilde in einer Instinkthandlung also die »psychische Thätigkeit« einen »Regulator der Functionen des Leibes«. Diese Differenzierung kann sich allerdings nicht etablieren.

Instinkt und Lernen

Betont wird in den verbreiteten Instinktdefinitionen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ihr angeborener Charakter (McDougall 1908/21: »inherited or innate psychophysical disposition«). Sowohl das Verhalten selbst als auch die Disposition dazu oder der auslösende Drang (McDougall: »impulse«) werden dabei als »Instinkt« bezeichnet. Der Ausschluss der Modifikation durch Lernen bei McDougall einen Teil der Definition des Instinktbegriffs: Als rein instinktiv (»purely instinctive«) werden ausdrücklich nur solche Verhaltensweisen bezeichnet, die durch Intelligenz und Gewohnheit nicht verändert werden (»unmodified by intelligence and by habits acquired under the guidance of intelligence or by imitation«). Trotzdem betont McDougall aber immer wieder die mentale, nicht-mechanistische Konstitution eines Instinktes »There is every reason to believe that even the most purely instinctive action is the outcome of a distinctly mental process, one which is incapable of being described in purely mechanical terms, because it is a psychophysical process«.

Dass das als instinktiv beschriebene Verhalten aber nicht immer allein auf ererbter Grundlage beruht, sondern auch im Laufe des Lebens verändert werden kann, wird am Ende des 19. Jahrhunderts vielfach herausgestellt. W. James legt 1890 Wert darauf, unter einem Instinkt etwas zu verstehen, das weder die Modifikation durch Lernen noch die Motivation durch Vernunft ausschließt. Die Modifizierbarkeit der Instinkte wird dabei nicht nur für Wirbeltiere, sondern auch für Insekten gezeigt. E. Wasmann weist in seinen Untersuchungen von Ameisen nach, dass diese zwar eine ererbte Disposition zur feindlichen Reaktion auf andere Ameisen mit einem nestfremden Geruch haben - die Identifizierung eines Geruchs als fremd ist aber nicht angeboren, sondern erlernt. Durch solche und andere Versuche zum Lernen und durch die erfolgreiche Dressur von Ameisen erkennt Wasmann, dass »die Ameisen durch eigene sinnliche Erfahrung, durch Nachahmung und durch Dressur vieles wirklich zu lernen vermögen, wodurch sie die Ausübung ihrer erblichen Instinkte modificiren«. Die »Instinkthandlungen« erfolgen also z.T. »durch Vermittlung der individuellen sinnlichen Erfahrung des Thieres«. Allgemein definiert wird der Instinktbegriff von Wasmann, indem er formuliert, es sei »der Instinkt die spezifisch zweckmäßige Anlage des sinnlichen Erkenntnis- und Begehrungsvermögens der Tiere, die ihre organische Grundlage in der Anlage des Nervensystems hat und sich mit letzterem vererbt«.

Um die beiden extremen Formen in dem Kontinuum von rein angeborenem und erlerntem Verhalten auf den Begriff zu bringen, unterscheidet F. Doflein 1916 zwischen einem fest angepaßten Typus und einem regulatorischen Typus. Im ersten Fall, der für viele Insekten und allgemein wirbellose Tiere kennzeichnend sei, liegt nach Doflein eine seit der Geburt bestehende feine Abstimmung der Verhaltensausstattung des Organismus mit seiner Umwelt vor; Organismen dieses Typs nennt Doflein Lebensspezialisten. Bei dem anderen Typus bestehe dagegen »eine Regulierbarkeit der Handlungen, eine Anpassungsfähigkeit des einzelnen Individuums von Fall zu Fall«.

Instinkte des Menschen

Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind die meisten Biologen und Psychologen der Auffassung, »Instinkt« sei ein wesentlich auf das Verhalten der Tiere anwendbarer Begriff. Es gibt aber auch die gegenteilige Meinung, nach der gerade der Mensch durch eine Vielzahl von Instinkten beherrscht sei. Sie wird 1890 von W. James mit der These vertreten, kein anderes Säugetier habe so viele Instinkte wie der Mensch: »no other mammal, not even the monkey, shows so large an array«. James gibt zur Stützung seiner These eine Liste von Instinkten des Menschen an. Spätere Psychologen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts schließen sich dieser Sicht an und erweitern James' Liste (für McDougall siehe: Gefühl). So finden sich in einer Übersicht des Soziologen L.L. Bernard Hunderte von Instinkten zusammengestellt, verteilt über kulturelle Bereiche wie die des Ästhetischen, Ethischen, Ökonomischen, Intellektuellen sowie biologische wie Nahrungsaufnahme, Furcht, Spiel, Sex etc.

Freuds Triebbegriff

Eine wichtige Rolle spielt der Instinkt- und Triebbegriff in der Psychoanalyse S. Freuds. Wie er selbst einräumt, kennzeichnet die Psychoanalyse aber ein eher ungewöhnlichen Triebbegriff. Für Freud ist ein Trieb ein Grenzbegriff, der die Vermittlung von biologischer und psychologischer Theorie leisten soll. Ungewöhnlich, aber von Freud doch stets betont, ist, dass er ihn als ein Erhaltungsprinzip auffasst. So schreibt er 1920: »Ein Trieb wäre also ein dem belebten Organischen innewohnender Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes, welchen dies Belebte unter dem Einflusse äußerer Störungskräfte aufgeben musste, eine Art von organischer Elastizität, oder wenn man will, die Äußerung der Trägheit im organischen Leben«. Freud ist darum bemüht, seine Untersuchungen über die Psyche biologisch zu fundieren und operiert daher an oberster Stelle seiner Argumentation mit einer Voraussetzung, zu der er anmerkt: »Sie ist biologischer Natur, arbeitet mit dem Begriff der Tendenz (eventuell der Zweckmäßigkeit) und lautet: Das Nervensystem ist ein Apparat, dem die Funktion erteilt ist, die anlangenden Reize wieder zu beseitigen, auf möglichst niedriges Niveau herabzusetzen, oder der, wenn es nur möglich wäre, sich überhaupt reizlos erhalten wollte«. Freud erkennt die teleologische Fundierung biologischer Sachverhalte und versucht seine Erklärungsprinzipien an diese anzuschließen. Das hier formulierte Konstanzprinzip, das die (Trägheits-)Tendenz der Psyche, Erregung zu vermeiden, als Erklärungsgrundsatz der Psychologie einführt, wird von Freud später auch anders tituliert: als »Nirwanaprinzip« oder als »Todestrieb«. Freud betrachtet diese Triebe als besondere Fälle eines schon von G.T. Fechner 1873 auf die Psyche bezogenen Stabilitätsprinzips, dem zufolge die Arbeit der Psyche in Richtung des Abbaus von Erregungsquantitäten wirke und dieser Prozess von einem Gefühl der Lust begleitet sei. Bei Freud erhält dieses Stabilitätsprinzip über seine »konservative Natur« hinaus einen regredierenden Charakter: Es sei zu verstehen als Ausdruck des dem Lebenden innewohnenden Bestrebens, einen »Zustand wiederherzustellen, sobald er verlassen worden ist«. Für das Leben insgesamt, entstanden aus dem Leblosen, heißt dies: Rückkehr zum anorganischen Zustand.

Kritisch kann gegen diese Übertragung der physiologischen Homöostase auf die Verhältnisse der Psyche angemerkt werden, dass sie einer gesonderten biologischen Begründung bedürfte. Biologisch bildet die Psyche, verstanden als Integrationsinstanz für den Umweltbezug eines Organismus, primär ein Organ für die physiologische Homöostase des Organismus. Sie motiviert und reguliert die Bedürfnisbefriedigung und Störungsvermeidung, die das biologische Verhältnis des Organismus zur Umwelt allgemein charakterisiert (siehe: Verhalten). Es liegt damit aber noch nicht selbst in der biologischen Natur der Psyche, ein eigenes Erhaltungssystem zu bilden oder über homöostatische Regulationen zu verfügen.

»Anti-Instinkt-Revolte«

Mit dem Aufstieg des Behaviorismus in den 1920er Jahren und der Betonung des Anteils des Lernens im Verhalten der Organismen verliert der Instinktbegriff vorübergehend an Bedeutung. Kritisiert wird der Instinktbegriff von Seiten des Behaviorismus auch wegen seiner fehlenden Operationalisierbarkeit. Der inflationäre Gebrauch des Instinktkonzepts in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und die Auflistung zahlreicher Instinkten zu sehr spezifischen Verhaltensweisen werden ironisch als der »Instinkt des Glaubens an Instinkte« beschrieben.

Zu einem Zurücktreten des Instinktbegriffs hinter lerntheoretische Ansätze zur Erklärung von Verhaltensweisen kommt es v.a. im Zuge der Etablierung von Verhaltensexperimenten unter kontrollierten Bedingungen - richtungsweisend sind insbesondere die Untersuchungen E.L. Thorndikes an Katzen in einer Lernbox (siehe: Lernen). Diese lerntheoretische, gegen die instinktbasierte Verhaltensanalyse gerichtete Bewegung geht so weit, dass von einer »Anti-Instinkt-Revolte« gesprochen wurde. Das Programm eines der radikalen Vertreter, Z.Y. Kuos, lautet Anfang der 1920er Jahre, eine »Psychologie ohne Vererbung« zu entwickeln. Die einzigen nicht-gelernten Verhaltensweisen sollen danach aus einfachen Reflexen bestehen; alle komplexeren Bewegungen setzen sich aus einer erlernten Verbindung dieser Verhaltenselemente zusammen. Das spontane Picken des neugeborenen Hühnerkükens nach Körnern soll sich z.B. aus bereits von dem Embryo im Ei gelernten Bewegungen entwickelt haben.

Rehabilitierung im Rahmen der Ethologie

Eine Gegenbewegung setzt mit der experimentellen Untersuchung komplexer Verhaltensweisen und mit der Entstehung der Vergleichenden Verhaltensforschung ein, die es unternimmt, das Verhalten als angeboren analog zu morphologischen Merkmalen zu betrachten. Besonders die auf der Evolutionstheorie aufbauende Vergleichende Verhaltensforschung, die Ethologie, trägt viel zur Rehabilitierung des Begriffs bei. Für J.A. Bierens de Haan ist »Instinkt« 1940 der zentrale Begriff zur Erklärung tierischen Verhaltens. Er definiert ihn als Zusammenwirkung der drei Komponenten des Erkennens (Wahrnehmung, Empfindung und Erinnerung), des Fühlens und des Strebens.

Während Bierens de Haan von einem Kontinuum und engem Zusammenwirken von angeborenen und erworbenen Komponenten im Verhalten ausgeht, bemüht sich K. Lorenz darum, eine scharfe Abgrenzung der Instinkte von den individuell erworbenen Verhaltensweisen nachzuweisen. Lorenz beschreibt viele stereotyp und von Außenreizen unabhängig ablaufende Verhaltensweisen; bei solchen durch Lernen beeinflussten Instinkten spricht er von einer Instinkt-Dressur-Verschränkung (siehe: Lernen). Gegen behavioristische Ansätze betont Lorenz aber immer wieder die Existenz von rein instinktivem, angeborenem Verhalten, das sich z.B. in »Leerlaufreaktionen« manifestiere. Einen fließenden Übergang von erlerntem zu angeborenem Verhalten lehnt Lorenz ausdrücklich ab; für ihn bilden diese beiden Kategorien physiologisch und konzeptionell getrennte Typen von Verhaltenseinheiten. Bereits 1935 hält er fest, die »Annahme einer fundamentalen Zweiheit von Instinkthandlung auf der einen, Lern- und Intelligenzleistung auf der anderen Seite« bereite keine Schwierigkeiten und sei wissenschaftlich fruchtbar. Instinkte könnten daher ebenso wie Organe in einer vergleichend-phylogenetischen Perspektive untersucht werden. Gerade die Betrachtung von Instinkten als taxonomisch wertvolle Merkmale, die gleichwertig neben morphologischen Strukturen stehen, ist dabei für Lorenz' strikte Gegenüberstellung von instinktivem und erlerntem Verhalten leitend.

Die Parallele zwischen der Informationsgewinnung durch individuelles Lernen und durch Vererbung motiviert G. von Frankenberg 1955 dazu, den Instinkt als »Gedanken der Art« zu bezeichnen: »Überlegen und Sichentscheiden erzeugt eine individuelle Umstellung im Nervensystem, eine »Modifikation«, - stammesgeschichtliche Anpassung dagegen eine erbliche, allen Artangehörigen angeborene Schaltung. Beide Male aber wird die Ordnung des nervösen Apparats, die den Anforderungen des Daseins entspricht, durch Probieren gewonnen«.

Die weite Verbreitung des Instinktbegriffs in den 1930er bis 50er Jahren kann interpretiert werden als der Versuch eines Mittelwegs zwischen einer reinen Reflextheorie, die alles Verhalten als bloßes Reiz-Reaktions-Geschehen versteht, und einer vitalistisch aufgeladenen Verhaltenstheorie, die spezifische Lebenskräfte für die komplexen Verhaltensweisen postuliert.

In seiner einflussreichen »Instinktlehre« versteht N. Tinbergen unter einem Instinkt einen »hierarchisch organisierten nervösen Mechanismus«, der auf bestimmte innere oder äußere Impulse reagiert und mit »lebens- und arterhaltenden Bewegungen« antwortet. Auffallend ist insbesondere das funktionalistische Moment dieser Definition (das sie z.B. von der Bierens de Haans unterscheidet): Instinkte sind hier durch ihre Art der Wirkung auf den Organismus definiert.

Eine explizit als Definition verstandene Bestimmung des Instinktbegriffs wird von einer Terminologiegruppe um W.H. Thorpe 1951 vorgeschlagen. Der Terminus wird dabei mittels der Begrifflichkeit der Ethologie erläutert: Ein Instinkt gilt als ererbtes und angepasstes Koordinationssystem (»inherited and adapted system of coordination«), das sich in Form eines festen Handlungsmusters (»fixed action pattern«; siehe: Verhalten) manifestiert, sofern es aufgeladen (»charged«) ist und durch eine Auslösung (»release«) aktiviert wird.

Auch K. Lorenz betont in seinem Verständnis des Instinktbegriffs die funktionale Komponente in der Bestimmung von Instinkten: Instinkte werden im Hinblick auf den biologischen Zweck definiert, auf den sie gerichtet sind (z.B. »Beutefanginstinkt«, »Fluchtinstinkt« oder »Fortpflanzungsinstinkt«). Als Gefahr dieser »finalistischer Namen« der Instinkte sieht Lorenz einerseits die falsche Annahme eines »außernatürlichen teleologischen Faktors« in der Verursachung der Instinkte und andererseits die ebenso falsche Fiktion einer »Monokausalität« in der Auslösung von Instinkten. Die erste Gefahr bringt Lorenz mit der von ihm so genannten »vitalistischen Tierpsychologie der Jahrhundertwende« in Verbindung, in der Instinkte als nicht-kausale Naturkräfte verstanden worden seien. Der zweiten Gefahr hält er entgegen, dass Instinkte aus einem komplexen Gefüge von »Instinktbewegungen« zusammengesetzt seien und jeder Instinkt daher als eine Integration dieser einzelnen Bewegungen zu einem einheitlichen »Verhaltenssystem« verstanden werden müsse.

Die Bedeutung des Instinktbegriffs in Lorenz' Verhaltenslehre wird besonders in seinem hydraulischen oder hydrodynamischen Modell der Verhaltensauslösung deutlich, in dem spezifische Energien für die Auslösung bestimmter Verhaltensweisen postuliert werden. Lorenz ist sich des hypothetischen und groben Charakters dieser Modellvorstellung durchaus bewusst. Gerechtfertigt wird das Modell allein durch das Fehlen von Erkenntnissen zu den neurophysiologischen Grundlagen von Instinkten. In seinen Grundzügen stellt W. McDougall das Modell bereits in den 1920er Jahren vor (»Instincts as Springs of Energy«). In McDougalls Modell (»mechanical analogy«) wird jeder Instinkt durch eine mit Flüssigkeit gefüllte Kammer repräsentiert; in den Kammern findet ein chemischer Prozess, z.B. eine Fermentation, statt, bei der ein Gas entsteht, das sich anreichert; jede Kammer verfügt über einen Ausgang, in den das Gas strömen kann, um von dort in ein kompliziertes Röhrensystem zu fließen, über das schließlich die ausführenden Organe erreicht werden. Auch McDougall ist sich der groben Vereinfachung des Modells bewusst; er hält das Modell aber für zumindest angemessener als die Vorstellung von Instinkten als Reflexketten oder Tropismen. Vor allem die Erniedrigung der Reizschwelle zur Auslösung eines lange Zeit nicht ausgeübten Instinkts kann über dieses Modell erklärt werden (über die Anreicherung des Gases und den Druckanstieg in den Kammern) - und dieser Vorzug bildet für Lorenz das entscheidende Argument für dieses Modell.

Fragwürdig wird im Laufe des 20. Jahrhunderts v.a. die mit dem Modell gemachte Annahme von aktionsspezifischen Energien. Verhaltensweisen enden in der Regel nicht dann, wenn ein spezifisches Energiereservoir erschöpft ist, sondern wenn sensorische oder kognitive Vorgänge ein Ende aktiv herbeiführen.

Neurophysiologie der Instinkte

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts beschränkt sich die Erforschung der Instinkte im Wesentlichen auf ihre Beschreibung und Ordnung. Die Instinkte gelten als zentrale Elemente im Leben der Tiere - eine kausale Theorie ihrer physiologischen Grundlagen gibt es aber nicht. Neurophysiologische Theorien ihrer Entstehung, Steuerung und Organisation entwickeln sich erst sehr allmählich. Eine wichtige Rolle in der frühen Phase dieser Entwicklung nimmt E. von Holst ein, indem er die spontane Aktivität des Zentralnervensystems herausstellt und versucht, diese experimentell zu untersuchen. Seit den 1940er Jahren führt von Holst gezielte Experimente zur physiologischen Basis der Instinkte durch. Leitend ist dabei die Frage, ob es ein zentrales Motivationszentrum im Gehirn gibt, das die Auslösung der verschiedensten instinktiven Verhaltensweisen steuert, oder ob jeder Instinkt von einem eigenen Zentrum koordiniert wird. Die elektrische Reizung verschiedener Areale des Gehirns von Hühnern führt dabei zu dem Ergebnis der Steuerung von verschiedenen Instinkten durch unterschiedliche Hirnregionen, die in komplexer Weise interagieren. Seine Ablehnung der Reflextheorie der Instinkte formuliert von Holst 1937 in einem anschaulichen Bild: »Das Nervensystem gleicht [...] nicht so sehr einem faulen Esel, dem man einen Schlag geben muß, oder, um den Vergleich genauer zu machen, der sich jedes Mal selbst in den Schwanz beißen muß, ehe er einen Schritt tun kann, sondern eher einem temperamentvollen Pferde, das ebenso der Zügel als der Peitsche bedarf«. Lorenz, der anfangs der Reflextheorie nicht ablehnend gegenüberstand, berichtet später von seiner schnellen Bekehrung durch von Holst nach einem Vortrag in Berlin im Jahr 1935: »er brauchte etwa zehn Minuten, um mich für immer von der Idiotie der Reflextheorie zu überzeugen«.

Ein detailliertes Modell für den Mechanismus der Auslösung des Brutverhaltens des Kanarienvogels entwickelt R. Hinde in den 1960er Jahren und zeigt hier besonders den Zusammenhang zwischen einzelnen Hormonen und der Auslösung bestimmter Verhaltensweisen auf.

Die von Lorenz propagierte strikte Gegenüberstellung von Instinkt und Lernen wird u.a. durch experimentelle Befunde aus den frühen 1950er Jahren in Frage gestellt: Bei Singvögeln kann nachgewiesen werden, dass ihr arttypischer Gesang nicht rein »angeboren« ist, sondern auf einem Wechselspiel zwischen seit der Geburt vorhandenen Dispositionen und erlernten Komponenten besteht. Engagierte Lorenz-Kritiker, wie J.B.S. Haldane oder D. Lehrman, bemerken im Anschluss an diese Versuche, dass eine grundsätzliche konzeptionelle Trennung von erlerntem und angeborenem Verhalten sehr fragwürdig ist.

Verschwinden des Konzepts seit den 1950er Jahren

Seit den 1950er Jahren verliert der Begriff des Instinkts seine über Jahrhunderte vorhandene zentrale organisierende Funktion für die Beschreibung und Analyse des Verhaltens von Tieren. Mit der zunehmenden Kenntnis der neuronalen Mechanismen der Auslösung und Kontrolle von Verhalten schwindet die pauschalisierende Rede von »den Instinkten«. Eine Meidung des Begriffs durch Biologen stellt A. Portmann bereits 1953 fest. Versuche der Definition des Instinkts durch die vier Momente des Angeborenen, Arttypischen, Stereotypen und Arterhaltenden müssen nach Portmann nicht mehr im Detail diskutiert werden, weil eine solche Definition »als Ganzes durch die Forschung überholt worden ist und als zu einfach gelten muß«. Vor diesem Hintergrund erscheint es schon nicht mehr zeitgemäß, wenn N. Tinbergen sein Grundlagenwerk der Ethologie 1951 »The Study of Instinct« nennt.

Statt das Verhalten nach Instinkten zu untersuchen, dienen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts vielmehr andere Konzepte zur Organisation der Forschungsfragen, z.B. Informationsverarbeitung, Entscheidungsregeln oder Optimalitätsmodelle. Immer deutlicher wird auch, dass die alte Gegenüberstellung von »Instinkt« und »Lernen« nicht haltbar ist, sondern das Verhalten der Tiere in der Regel beide Komponenten enthält. Die Verschränkung dieser Komponenten wird von G.P. Baerends 1972 als ein systemisches Wirkungsgefüge (siehe: Regulation) beschrieben und am Beispiel des Brutverhaltens der Silbermöwe detailliert analysiert.

Kritisch stellt R. Hinde in einem Aufsatz von 1962 fest, dass »Instinkt« und »Trieb« Konzepte sind, die auf sehr einfachen Energievorstellungen beruhen. Die Bilder von aufzufüllenden Reservoiren in den psychohydraulischen Modellen der Verhaltensauslösung oder von überschießenden Energien hält Hinde für generell unangemessen, um das Verhalten der Tiere zu erklären.

Wenn der Instinktbegriff heute überhaupt noch verwendet wird, dann rein deskriptiv für ein Verhalten, das weitgehend artkonstant ist und im Leben eines Organismus relativ wenigen Modifikationen unterliegt oder innerhalb einer Population nur wenig variiert, das also ein stereotypes Bewegungsmuster darstellt und offenbar zumindest z.T. auf einer genetischen Grundlage beruht. Im Unterschied zu einfachen Reflexen gelten nur komplexe Bewegungsmuster, die außerdem auf einen Gegenstand der Umwelt gerichtet sind, als Instinkte. Grundsätzlich gilt aber, in den Worten G. Tembrocks von 1977: »niemand wird in einer modernen Verhaltensanalyse den Begriff Instinkt finden oder auch vermissen«.

Einteilung der Instinkte

Seit dem 18. Jahrhundert werden verschiedene Einteilungen der Instinkte vorgeschlagen. Selten liegt diesen Einteilungen eine klare Systematik zugrunde. Verbreitet ist der Ansatz, jedem mehr oder weniger stereotypen Verhaltensablauf einen Trieb zuzuordnen. Weil die Anzahl der starren Bewegungsabläufe bei Insekten und anderen kleinen Tieren häufig größer ist als bei Wirbeltieren, werden jenen gelegentlich auch mehr Instinkte zugeschrieben. So identifizieren W. Kirby und W. Spence in ihrem Mitte des 19. Jahrhunderts verbreiteten Standardwerk zur Entomologie dreißig verschiedene Instinkte bei den Arbeiterinnen der Honigbiene, aber nur acht bis zehn bei der Ente. Eine von den organischen Grundfunktionen ausgehende Einteilung der Triebe der Tiere schlägt C.G. Carus 1846 vor. Er unterscheidet auf oberster Ebene Naturtriebe, Kunsttriebe und Wanderungstriebe. Zu den Naturtrieben gehören nach Carus »der Nahrungstrieb, der Athmungstrieb, der Fortpflanzungstrieb«; die Kunsttriebe betreffen dagegen Bewegungen, die »über die Gränzen des eignen leiblichen Lebens hinausgehen«, beziehen sich also z.B. auf den Bau von Nestern, Höhlen oder Netzen. Mehr oder wenige systematische Einteilungen beruhen auf einer Gliederung der verschiedenen Umweltbezüge eines Organismus (siehe: Verhalten). McDougall bindet die von ihm unterschiedenen Instinkte eng an einzelne Gefühle und gelangt auf diese Weise zu einer parallelen Einteilung von motivationalen und emotionalen Aspekten des Verhaltens (siehe: Gefühl). Daneben stellt er eine Einteilung der Instinkte im Sinne von zielgerichteten Verhaltensdispositionen (»propensities«) nach funktionalen Gesichtspunkten. Die methodische Grundlage der Abgrenzung der Dispositionen bleibt allerdings problematisch. Offensichtlich bestehen zahlreiche Verbindungen zwischen den Dispositionen, die in dem Ansatz der Auflistung nicht zum Ausdruck kommen. Dieser Ansatz wird daher nach McDougall kaum noch verfolgt. An seine Stelle treten Versuche der Darstellung der Instinkte in einer stärker strukturierten Form, so etwa das System von E.C. Tolman von 1926, das ebenfalls auf einer funktionalistischen Grundlage steht und von Bedürfnissen ausgeht, die in primäre oder biologische (Hunger, Durst, Schmerzvermeidung), sekundäre oder soziale und tertiäre oder kulturelle eingeteilt werden.

Das methodische Problem bei der Erstellung dieser Listen liegt darin, zu einem einheitlichen Kriterium der Unterscheidung zu kommen, das es ermöglicht, nur gleichrangige Bewegungsabläufe zusammenzufassen. Das Konzept des Instinktes wird in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts z.T. ins Groteske gezogen, indem Listen von über 10.000 Instinkten erstellt werden. Jedem mehr oder weniger stereotypen Bewegungsablauf wird dabei ein Trieb zugeordnet. So kennt G.H. Schneider 1880 einen »Trieb zum Ködern bei Wahrnehmung der Beute« oder einen »Trieb zur Vorsicht beim Verlassen des sicheren Verstecks«.

Diese feinkörnige Beschreibung der Dispositionen und Motivationen zu bestimmten Verhaltensweisen erfährt im Rahmen der Evolutionären Psychologie eine gewisse Wiederbelebung, insofern auch hier die Psyche eines Organismus (engl. »mind«) in eine Vielzahl von domänenspezifische Mechanismen zergliedert wird. J. Tooby und L. Cosmides gehen 1995 von Hunderten oder gar Tausenden solcher funktionaler Module beim Menschen aus, die jeweils für spezifische Situationen durch Selektion in der Vergangenheit geformt wurden (»our cognitive architecture resembles a confederation of hundreds or thousands of functionally dedicated computers (often called modules) designed to solve adaptive problems endemic to our huntergatherer ancestors«). Auf die Parallele zwischen Instinkten und psychischen Modulen weisen die Autoren selbst hin, wenn sie die Vorteile der schnellen Verfügbarkeit der Module betonen: »one can think of these specialized circuits as reasoning instincts. They make certain kinds of inferences just as easy, effortless, and »natural« to humans, as spinning a web is to a spider«. Das biologisch Besondere des Menschen liegt danach also nicht im Verlust der Instinkte, sondern in ihrer Spezifizierung und Vervielfältigung für die Anwendung in vielen unterschiedlichen Situationen. - Ob diese domänenspezifischen Module beim Menschen aber tatsächlich als angeborene Strukturen existieren, ist höchst umstritten. Die geringe Korrelation der Verhaltenskomplexität eines Organismus mit der Anzahl seiner Gene, die für die Gehirnentwicklung zuständig sind, spricht eher für die Vorstellung des Gehirns als eines allgemeinen Problemlösungsmechanismus, der durch Lernen in spezifischen Situationen geformt wird.

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Rudolf Eisler

Wörterbuch der philosophischen Begriffe (1904)

Instinkt (instinctus, Antrieb) ist (Subjektiv) eine Art des Triebes (s. d), eine Regsamkeit des psychophysischen Organismus, die, ohne Bewußtsein (Wissen) des Endzieles, eine zweckmäßige Handlung (Bewegung) einleitet. Der Instinkt beruht auf einer Anlage (s. d.) des Organismus, die als Produkt von Willens- und Triebbetätigungen früherer Generationen und der Vererbung jener aufzufassen ist. Die Instinkthandlungen sind mehr als mechanisch, sie sind zwar nicht Objekt des Bewußtseins, aber doch Bewußtseinsfunktionen von geringer Klarheit, (generell) mechanisierte (s. d.) Willensvorgänge. Sie gehen von inneren Reizen, Impulsen aus, welche teilweise von außen ausgelöst werden. Die individuelle Erfahrung ist nicht ohne Einfluß auf die Modifikation der Instinkte, die sich oft mit eigentlichen Trieb- oder Willenshandlungen verbinden. Neben den individuellen, selbstischen gibt es soziale Instinkte.
Die Instinkte gelten bald als unbewußte Intellekt- und Willenshandlungen, bald als bloße Reflexbewegungen, sie werden bald einer universalen Vernunft zugeschrieben, bald als Produkte individueller Erfahrung und Gewohnheit, bald endlich als vererbte mechanisierte Triebe und Dispositionen betrachtet. - Im weitesten Sinne heißt »Instinkt« die »Spürkraft« des Geistes.

Über die Instinkte der Tiere handelt schon SENECA (Epist. 121). Vom »instinctus naturae« (Naturtrieb) sprechen die Scholastiker (vgl. THOMAS, Contr. gent. III, 75). HERBERT VON CHERBURY betrachtet den »instinctus naturalis« als subjektive Quelle teleologischer oder Wertbegriffe. »Instinktus naturales sunt actus facultatum illarum in omni homine sano et integro existentium, a quibus communes illae notitiae circa analogiam rerum internam, cuiusmodi sunt, quae circa causam, medium et finem rerum bonarum, malum, pulchrum, gratum etc.... per se etiam sine discursu conformantur« (bei RITTER, Gesch. d. Philos. X, 406). SHAFTESBURY bemerkt: »The world innate let us change it, if you will for instinct, and call instinct, that nature teaches, exclusive of art, culture or discipline« (The Moral. III, 2). REID erklärt: »By instinct, I mean a natural impulse to certain actions, without having any end in view, without deliberation, and very without any conception of what we do« (On the act. pow. III, 2). Nach BILFINGER ist der »instinctus naturalis« »species appetitus sensitivi et aversationis ea, quam sine conscientia sui concipimus« (Diluc. § 292). KANT versteht unter Instinkt »ein gefühltes Bedürfnis, etwas zu tun oder zu genießen, wovon man noch keinen Begriff hat« (Relig. S. 28), »die innere Nötigung der Begehrungsvermögens zur Besitznehmung dieses Gegenstandes, ehe man ihn noch kennt« (Anthropol. I, § 79). Nach CHR. E. SCHMID ist der Instinkt unerklärbar (Empir. Psychol. S. 387; vgl. S. 351). JACOB erklärt den Instinkt als »Erregbarkeit des Begehrungsvermögens durch das bloße Gefühl« (Gr. d. empir. Psychol. § 223). Nach GEORGE ist der Instinkt die »Gesamtheit der Bewegungen, insofern sie durch den Affekt bestimmt und geregelt werden« (Lehrb. S. 171). G. E. SCHULZE definiert: »Ist mit dem Naturtriebe eine Vorstellung oder Ahnung dessen, was dem gefühlten Bedürfnisse abhilft, schon auf angeborene Art verbunden, so wird er Instinkt genannt« (Psych. Anthropol. B. 411). Nach ESCHENMAYER ist Instinkt oder Trieb (s. d.) »alles, was als innere Nötigung und Aufforderung in uns vorkommt« (Psychol. S. 44). Nach BURDACH ist der Instinkt unbewußte Äußerung der Lebenskraft, »organische Selbsterhaltung in psychischer Form« (Blick ins Leb. I, 206 f.). Nach SCHOPENHAUER ist der Instinkt eine unbewußt- zweckmäßige Tätigkeit des Naturwillens (W. a. W. u. V. II. Bd., C. 27). Die Instinkthandlungen gehen aus einem inneren Trieb hervor, welcher aber »seine nähere Bestimmung, im Detail der einzelnen Handlungen und für jeden Augenblick, durch Motive erhält« (Üb. d. Freih. d. Will. III). K. G. CARUS definiert den Instinkt als die »sich unbewußt einbildende oder abbildende Idee« (Vergleich. Tierpsychol. 1866, S. 59 f.). Nach HANUSCH ist der Instinkt »das der unangenehmen Empfindung entsprechende Streben, sie selbst aufzuheben (zu negieren)« (Handb. d. Erfahrungs- Seelenl. S. 49). Jede Art des Instinkts ist eine besondere Weise des Strebens nach Lebenserhaltung (l.c. S. 50). Nach J. H. FICHTE ist der Instinkt »ein durch apriorisches und eben darum bewußtlos bleibendes Vorstellen geleiteter Trieb« (Zur Seelenfr. S. 29), »vernunftvolles, aber vorbewußtes Wollen« (Psychol. II, 41; vgl. II, 22, 80 ff., 128 ff.). Ein System von Instinkten liegt im Menschen schon vor dem Bewußtsein, als Quelle des Apriorischen, als das Apriorische selbst, bereit (l.c. II, 155; vgl. Anthropol. S. 471, 473). E. v. HARTMANN sieht im Instinkte ein bewußtes Wollen des Mittels zu einem unbewußt gewußten Zweck (Philos. d. Unbew. I10, 76). Nach CARNERI ist der Instinkt »ein Denken auf dem Standpunkt der bloßen Empfindung«, unbewußtes Denken (Sittl. u. Darwin. S. 47). Er ist »das Bewußtsein an sich in unterschiedsloser Objektivität« (l.c. S. 51). Es gibt eine Anpassung, Selection, Vererbung der Instinkte (l.c. S. 49). - VOLKMANN versteht unter dem Instinkt »jene organische Präformation, infolgederen ein bestimmter Trieb sich in eine bestimmte Leibesbewegung ohne Vermittlung einer klar vortretenden Vorstellung in konstanter Weise umsetzt« (Lehrb. d. Psychol. II4, 438). Nach FROHSCHAMMER ist der Instinkt »die von Natur (Geburt) aus innewohnende Befähigung der lebendigen Wesen, ohne vorangehende Erfahrung und ohne Unterweisung das zu tun, was der Trieb... erfordert. Instinkt ist lebendig gewordene und über das Individuum dem Raum und der Zeit nach hinausreichende teleologische Einrichtung des Tieres«, »noch unfreier Verstand« (Monad. u. Weltphantas. S. 30). Nach A. DÖRING ist der Instinkt »der in der unbewußten Taxierung seines Vermögens, in der unbewußten Wahl der Mittel und der unbewußten Umgehung der Hindernisse unfehlbare und daher stets erfolgreiche Trieb« (Philos. Güterlehre S. 190). O. SCHNEIDER: »Instinkt ist das psychische Streben nach Arterhaltung ohne Bewußtsein des Zweckes von diesem Streben« (Der menschl. Wille S. 109). KREIBIG definiert die Instinkte als »das Willenscorrelat von Bewegungen, bei deren Zustandekommen der biologisch nützliche Zweck unbewußt bleibt, aber die Veranstaltung der Bewegungen und zum Teil auch die Wahl der Mittel mit Bewußtsein erfolgt« (Werttheor. S. 76). Es gibt Instinkte der Selbsterhaltung und solche der Arterhaltung (l.c. S. 77). Vgl. LOTZE, Medicin. Psychol. S. 534 ff. Auf Gewohnheit und Erfahrung führt den Instinkt HUME zurück (Treat. III, sct. 16). Die Vernunft (s. d.) ist ein wunderbarer »Instinkt« unserer Seele, der uns von Vorstellung zu Vorstellung leitet (ib.). CONDILLAC bestimmt den Instinkt als »moi d'habitude« (Trait. des anim. 5). Auf die Gewohnheit bezieht den Instinkt RENOUVIER (Nouv. Monadol. p. 83). - Zur Erfahrung und Assoziation bringt ER. DARWIN den Instinkt in Beziehung (Zoonom.), zur Gewohnheit CUVIER. Auf vererbte Gewohnheiten führt die Instinkte CH. DARWIN zurück (Entsteh. der Art. S. 217). Diese Gewohnheiten entstehen durch natürliche Zuchtwahl (ib.). H. SPENCER bezeichnet die Instinkte als »zusammengesetzte Reflextätigkeiten« (Psychol. I, § 194, S. 451), Kombinationen von Eindrücken, auf welche Kombinationen von Zusammenziehungen folgen (l.c. S. 453). In den höheren Formen des Instinkts besteht wahrscheinlich ein rudimentäres Bewußtsein (ib.). Die Instinkte sind Produkte wiederholter Assoziationstendenzen in den Generationen (l.c. § 196, S. 458 f.). Der Instinkt ist »eine Art von organisiertem Gedächtnis« (l.c. § 199, S. 465). Nach PREYER ist der Instinkt ein »vererbtes Gedächtnis« (Seel. d. Kind.3, S. 186), nach EIMER eine »vererbte Gewohnheitstätigkeit« (Entsteh. d. Art. I, 240); vgl. G. H. SCHNEIDER (Der tier. Wille S. 146; Der menschl. Wille S. 68 f.). W. JAMES nennt den Instinkt »a mere excitomotor impulse, due to the preexistence of a certain »reflex arc« in the nerve-centres of the creature« (Princ. of Psychol. II, 391). Der Instinkt ist »the faculty of acting in such a way as to produce certain ends, without foresight of the ends, and without previous education in the performance« (l.c. II, 383; vgl. p. 385, 389: Variabilität des Instinktes). Nach ZIEHEN sind die Instinkte »sehr komplizierte, aber... außerhalb des Vorstellungslebens sich vollziehende Reflexe« (Leitfad. d. physiol. Psychol.2, S. 12). Viele Instinkte sind aber »automatische Akte« (l.c. S. 13).

Nach FECHNER ist es wahrscheinlich, »daß auch die Natur die instinktiven Fähigkeiten und Fertigkeiten ihrer Tiere erst erlernen mußte, mit Bewußtsein erlernen mußte, um sie nachher mit halbem Unbewußtsein anzuwenden« (Zend. Av. I, 280). Auf Einübung, Vererbung und Mechanisierung des Eingeübten beruht der Instinkt nach L. WILSER (Die Vererb. d. geist. Eigensch. S. 9), LEWES (»lapsing of intelligence«) ROMANES (Geist. Entwickl. S. 24), RIBOT (»conscience éteinte«, L'héréd. psychol.5, p. 19), S. EXNER (Entwurf ein. physiol. Erkl. d. psych. Erschein. I), besonders nach WUNDT. Nach ihm sind die Instinkthandlungen »Bewegungen, die ursprünglich aus einfachen oder zusammengesetzten Willensakten hervorgegangen, dann aber während des individuellen Lebens oder im Laufe einer generellen Entwicklung vollständig oder teilweise mechanisiert worden sind«. Sie sind automatisch gewordene psychische Leistungen, die aber teilweise unter dem Einflusse von Motiven stehen. Sie sind das Resultat der Arbeit zahlloser Generationen. Der Vervollkommnung sind sie fähig. Durch Empfindungen und Gefühle werden sie ausgelöst; im Nervensystem sind fertige Dispositionen zu zweckmäßigen Bewegungen vorhanden (Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 510 ff., 591, 594; Essays 8, S. 217; Vorles.2, S. 422, 429, 437; Syst. d. Philos.2, S. 590). Die Instinkte sind »Triebhandlungen«. »Die physiologischen Ausgangspunkte der für die Instinkte vornehmlich maßgebenden Empfindungen sind... die Nahrungs- und die Fortpflanzungsorgane. Demnach lassen sich wohl alle tierischen Instinkte schließlich auf die beiden Klassen der Nahrungs- und der Fortpflanzungsinstincte zurückführen« (Gr. d. Psychol.5, S. 338). »Bei allen Instinkten gehen die individuellen Triebhandlungen von äußeren oder inneren Empfindungsreizen aus. Die Handlungen selbst sind aber den Trieb- oder einfachen Willenshandlungen zuzurechnen, weil bestimmte Vorstellungen und Gefühle als einfache Motive ihnen vorausgehen und sie begleiten. Die zusammengesetzte, auf angeborener Anlage beruhende Beschaffenheit der Handlungen läßt sich hierbei nur aus generell erworbenen Eigenschaften des Nervensystems erklären, infolgederen auf gewisse Reize sofort und ohne individuelle Einübung angeborene Reflexmechanismen ausgelöst werden« (l.c. S. 339). Es gibt individuelle und soziale Instinkte (Eth.2, S. 109). Ähnlich KÜLPE (Gr. d. Psychol. S. 340), W. JERUSALEM (Lehrb. d. Psychol.3, S. 187 f.) u. a. Vgl. A. J. HAMLIN, An Attempt at a Psychol. of Instinkt, Mind VI, 1897, p. 59 ff.; FOUILLÉE, L'Origine del' Instinkt; JODL, Psychol. SULLY, Mind VI.

Die Ursprünglichkeit sozialer Instinkte (Triebe, Neigungen) betonen GROTIUS, BODIN, SHAFTESBURY, HUTCHESON, CLARKE, WOLLASTON, HUME, A. SMITH u. a. (vgl. Sozial). Vgl. Trieb.

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