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THE RELATIVITY OF (HUMAN) BEING

Die Funktionalität substanzieller Präsenzen

Die mentalen Organe

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Joseph Jungmann

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Joseph Jungmann

Einleitung

Die gesammte socratische Philosophie, die gesammte Wissenschaft des Mittelalters, kannte, von der vegetativen und motorischen Kraft abgesehen, nur zwei Hauptkräfte der Seele: das Erkenntnisvermögen und das Begehrungs- oder Strebevermögen, die 'facultas apprehensiva und appetiva'. Der einen wie der anderen galten jene psychischen Vorgänge, welche wir 'Gefühle', 'Gemüthsbewegungen', und, namentlich wo sie in größerer Stärke auftreten, 'Affekte' nennen, wie Freude und Trauer, Schmerz und Genuß, Liebe und Widerwille, Furcht und Hoffnung, Zorn und Verlangen, allgemein, Lust und Unlust, - der ganzen früheren Wissenschaft, sagen wir, galten diese psychischen Erscheinungen insgesammt mit aller Entschiedenheit als die eigentlichen Thätigkeiten der begehrenden Kraft, des Strebevermögens. Selbst Cartesius, der sich für berufen hielt, so manche Anschauungen der Vorzeit zu berichtigen, der eben über die Gefühle insofern sie der sensitiven Natur angehören, eine eigene Abhandlung verfaßte, fand sich doch nicht veranlaßt, in diesem Punkte etwas zu ändern. Indem er die Wesenseinheit der menschlichen Natur auflöste, und Körper und Geist als zwei für sich fertige Substanzen neben einander stellte, hatte er einen Hauptkeim der neuen Lehre eingepflanzt : aber der Keim brauchte Zeit, um sich zu entwickeln. Fast drei Menschenalter nach Cartesius kennt Christian von Wolf noch immer nicht mehr als die erwähnten zwei Hauptvermögen, und bezeichnet sowohl in seiner Psychologie als in seiner Metaphysik die Affecte, welche man auch 'empfindliche Lust und Unlust' definiren könne, in Uebereinstimmung mit der ganzen Vorzeit als Thätigkeiten der 'facultas appetendi', des Strebevermögens. Und so konnte noch 1763 Johann Georg Sulzer die Zweitheilung der psychischen Vermögen als eine feststehende philosophische Wahrheit betrachten, und eine Abhandlung, welche er zu jener Zeit in den Jahrbüchern der Berliner Academie veröffentlichte, mit dem Satze beginnen: 'So mannigfaltig auch die Wirkungen der Seele zu sein scheinen, so laufen sie doch alle auf die Anwendung zweier Vermögen, welche die Quelle aller ihrer übrigen Bestimmungen sind hinaus. Das eine ist das Vermögen - sich etwas vorzustellen -, oder die Beschaffenheiten der Dinge zu erkennen; das andere, das Vermögen - zu empfinden -, oder auf eine angenehme oder unangenehme Art gerührt zu werden'.

Aber während Sulzer so redete, war die neue Anschauung bereits im Werden begriffen. Kaum vierzehn Jahre nach dem Erscheinen jener Abhandlung schrieb Johann Nicolaus Tetens in Kiel: 'Wie viele psychischer Grundvermögen, und welche dafür zu halten sind, darüber sind die Psychologen nicht einerlei Meinung. Die meisten nennen, wie der Katechismus, zwei, den Verstand und den Willen. Andern scheint noch ein drittes Princip, ein Vermögen, Empfindnisse zu haben, unter dem Namen - Empfindsamkeit - erfordert zu werden. Herr Sulzer bringet alle auf zwei ursprüngliche Fähigkeiten, auf Empfindsamkeit und Erkenntniskraft.' Einige Seiten weiter aber spricht Tetens seine eigene Ansicht also aus: 'Ich zähle drei Grundvermögen der Seele: das Gefühl, den Verstand und die Thätigkeitskraft. Wenn der Wille für das ganze Vermögen, thätig zu sein (Vorstellungen machen und Denken abgerechnet) genommen wird, so können für die drei Grundvermögen der Seele mehr gewöhnliche Benennungen gebraucht, und Gefühl, Verstand und Wille genannt werden.'

Es ist indess die Frage, ob das neu hinzugekommene Vermögen, das 'Gefühl', sein junges Leben lange gefristet haben würde, hätte nicht die kritische Philosophie von Königsberg es unter ihre Flügel genommen. Im Jahre 1790 ließ Kant die 'Kritik der Urtheilskraft' erscheinen, und in der Einleitung zu dieser lehrte er: 'Alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können auf die drei zurückgeführt werden, welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaftlichen Grunde ableiten lassen: das Erkenntnisvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust, und das Begehrungsvermögen'.

Seltsamerweise findet man bei Kant nicht ein einziges Wort, womit er seine neue Auffassung, der gesammten Vorzeit gegenüber, zu begründen und zu vertheidigen suchte. Freilich war es überhaupt seine Gewohnheit, seine neuen Gedanken nicht als vernünftige Hypothesen, oder als bescheidene Vorschläge zu einer Ernennung der Philosophie vorzutragen, sondern sie wie unzweifelhafte Axiome, als Grundlage eines unerschütterlich festen wissenschaftlichen Lehrgebäudes hinzustellen : wofür er denn auch schon von Ernst Platner die sehr begründete Rüge hinnehmen mußte, daß er durch sein Verfahren 'den Vorwurf des Dogmatismus desto stärker gegen sich selbst reize, je zuversichtlicher er die Beschämung des Dogmatismus als den Hauptzweck seines kritischen Unternehmens ankündigte'. Aber viel seltsamer noch, als ein solches Verfahren Kant's, dürfte jedenfalls die Thatsache erscheinen, daß die neue trichotomistische Lehre von der ganzen deutschen Wissenschaft so gläubig hingenommen wurde. Sie steht als unumstößlicher Satz, bald mit Beweisen bald ohne solche, nahezu in allen Lehrbüchern der Psychologie, welche im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts in Deutschland erschienen sind. Nahezu an sämmtlichen Schulen wird die studierende Jugend unseres Vaterlandes dieser Auffassung gemäß unterrichtet, und lernt die drei bezeichneten psychischen Vermögen, freilich nicht überall in der gleichen Ordnung, als wesentlich verschieden, d. h. als solche kennen, 'welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaftlichen Grunde ableiten' oder einander unterordnen lassen. Und dem entsprechend haben endlich sämmtliche wissenschaftliche Theorien, welche zu ihrem Ausbau psychologischer Begriffe und Voraussetzungen bedürfen, mögen sie nun dem theoretischen oder dem practischen, dem theologischen oder dem profanen Gebiete angehören, sich beeilen zu müssen geglaubt, ihre Anschauungen mit der neuen Auffassung in Einklang zu bringen, und sie derselben gemäß abzuändern oder ganz neu zu schaffen. Das sind Thatsachen, welche nachzuweisen man uns erlassen dürfte.

Man könnte auf den ersten Blick geneigt sein, in der auf diese Weise durch Kant herbeigeführten Abweichung der neueren Psychologie von der alten, eine Differenz von untergeordneter Bedeutung zu sehen. Es gibt Gegenstände wissenschaftlicher Theorien, bei denen nicht außerordentlich viel darauf ankömmt, wie die letzteren eingetheilt werden : insofern eine von anderen Rücksichten ausgehende Eintheilung an der Sache nichts ändert, sondern nur die Klarheit der Darstellung und die Leichtigkeit des Verständnisses fördert oder beeinträchtigt. Allein es wäre ein Irrthum, wenn man von der in Rede stehenden Theilung das Gleiche denken wollte. Das wird sich im Verfolg unserer Erörterung klarer herausstellen ; hier nur diese kurze Andeutung. Unter einem Vermögen der menschlichen Seele, kraft deren sie im Stande ist, das wirkende Princip bestimmter Erscheinungen auf dem Gebiete ihres eigenen Seins und Lebens zu werden. Nur, insofern psychische Erscheinungen in der Art von einander verschieden sind, daß sie sich durch eine und dieselbe Vollkommenheit der Seele nicht erklären lassen, kann mithin die Wissenschaft sich veranlaßt sehen, der Seele besondere, von einander verschiedene Vermögen zuzusprechen. Daraus ergibt sich aber dieser Schluß: hatte die alte Philosophie Recht, indem sie nur zwei Hauptvermögen anerkannte, das erkennende und das strebende, dann müssen die ' Gefühle', und namentlich die Gemüthsbewegungen, entweder Erkenntniß- oder Strebethätigkeiten sein ; ist dagegen die gegenwärtig beliebte Dreitheilung richtig, verlangen die Gefühle in der That ein eigenes psychisches Vermögen, dann dürfen dieselben weder für Erkenntnisse noch für Strebungen gehalten werden, sind vielmehr als Erscheinungen zu betrachten, welche sich von den beiden genannten wesentlich unterscheiden. Es ist somit offenbar, daß es sich hier nicht um eine Eintheilungsverschiedenheit handelt, die ohne weitere Folgen wäre, sondern geradezu um den Begriff und das Wesen einer ganzen Klasse von Vorgängen auf dem Gebiete des inneren Lebens. Die trichotomistische Theilung der Vermögen ist, wie wir schon andeuteten, Auffassung des Gemüthes und seiner Lebensäußerungen. Daraus allein erklärt sich die letzte jener Thatsachen, deren wir vorher gedachten: der auffallende Rückschlag, welchen die neue Theilung unmittelbar und unausweichlich auf sämmtliche Wissenschaften ausübte, deren Gegenstände zu der Oeconomie des psychischen Lebens und seiner Aeußerungen in näherer oder entfernterer Beziehung stehen.

Wir brauchen es wohl kaum noch ausdrücklich zu sagen, daß wir in der Frage, um die es sich handelt, mit der neueren Psychologie nicht übereinstimmen können. Wir sind der Ansicht, daß die frühere Wissenschaft vollkommen Recht hatte, wenn sie die Gefühle als Thätigkeiten des Strebevermögens betrachtete ; wir halten die Einführung des neuen Gefühlsvermögens für einen argen philosophischen Mißgriff, und die Lehre von dem Wesen der Gefühle und des Gemüths, wie sie gegenwärtig von der deutschen Psychologie vorgetragen wird, für eine folgenschwerde Verirrung. Die folgende Abhandlung hat den Zweck, sowohl den Begriff des Gemüths und seiner Thätigkeiten, wie derselben nach unserer Ansicht aufzufassen ist, zu entwickeln, als auch die Unzuläßigkeit der gegenwärtig herrschenden Theorie nachzuweisen.

... Die Scholastik hatte weder ein entsprechendes eigentliches Wort für unser 'Gemüth', noch jenen Einen Begriff, welchen wir Deutsche mit diesem Worte verbinden : sie bediente sich an der Stelle des Einen Begriffs der Elemente, aus denen derselbe zusammengesetzt ist. Sie anerkannte dieselben psychologischen Thatsachen, wie wir ; sie philosophierte über dieselben psychischen Erscheinungen : aber sie faßte sie anders aus einem anderen Gesichtspunkte auf, und drückte sie anders aus, als es der Genius der germanischen Sprachen, mithin der Geist des deutschen Volkes, zu thun sich gewöhnt hat. Fragt man, welche Anschauungsweise die bessere sei, so wären wir unserntheils geneigt, der deutschen den Vorzug zu geben. Wer indeß dieser unserer Ansicht nicht beistimmen mag, der wird jedenfalls zugeben, daß wir weder berechtigt waren noch gegründete Ursache hatten, die einmal bestehende und in dem Schatze unserer Sprache unvertilgbar niedergelegte Auffassung zu ignorieren, noch weniger, ihr Gewalt anzuthun, und sie zu verderben, indem wir sie nach jener der peripatetischen und scholastischen Philosophie zurechtzuschreiben versuchten. Jede wahre Anschauung auf dem Gebiete der Speculation hat ihre Berechtigung und ihren Werth. Ein Verfahren welches, diesen Grundsatz verläugnend, aus Vorliebe für Eine alle übrigen verdrängen wollte, würde nicht nur keine Aussicht auf Erfolg haben : es wäre ein Vergehen an der Wissenschaft. Denn nicht das Gepräge ist es, das der Goldmünze ihren Werth gibt, sondern die Lauterkeit des Metalls aus welchem sie geschlagen wurde.

Man wolle also nicht erwarten, daß wir in der folgenden Erörterung einfach die Lehren der älteren Philosophie wiederholen. Verschiedene physiologische Ansichten abgerechnet, welche durch den Fortschritt der exacten Wissenschaften berichtigt worden sind, stimmen wir, was die psychischen Thatsachen und deren metaphysische Erklärung betrifft, mit der aristotelischen und scholastischen Philosophie allerdings im allgemeinen vollkommen überein ; wir entlehnen ihr größtentheils die Gründe, deren wir, unsere Sätze zu beweisen, bedürfen : aber wir lassen uns nicht bestimmen, alles auch ihrer Anschauungsweise entsprechend auszudrücken, und dafür eine Auffassung zu opfern, welche, wenn wir nicht irren, eine der schönsten Früchte des deutschen Geistes ist.

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Erster Abschnitt

Die Grundvermögen der menschlichen Seele

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I. Vorläufiges

3. Fassen wir nun die Thätigkeiten unserer Seele näher ins Auge, so nehmen wir sehr leicht wahr, daß dieselben zunächst zwei wesentlich verschiedene Arten bilden. Jede Thätigkeit nämlich vollzieht sich im allgemeinen durch irgend eine Beziehung, durch irgend ein Verhältnis, zwischen dem thätigen Subject und dem Gegenstande, dem Object der Thätigkeit. Solcher Beziehungen beobachten wir aber in den Lebensäußerungen unserer Seele zwei, welche sich wesentlich unterscheiden. Sehr häufig besteht die Beziehung darin, daß die Seele den Gegenstand ihrer Thätigkeit in sich aufnimmt, nicht wie er in sich selbst ist, sondern nach der Weise ihres eigenen unkörperlichen Seins. Sie erzeugt nämlich in sich selbst das Bild des Gegenstandes, bildet in sich selbst denselben nach, und erfaßt ihn so vermittelst der 'species intentionalis' oder des Erkenntnisbildes. In anderen Fällen hingegen neigt, regt, bewegt sich die Seele gewissermaßen gegen das Object hin, strebt demselben zu, wie es in sich selbst ist, sucht es selbst in seinem eigenen Wesen und seiner Wirklichkeit zu ergreifen, umfaßt es und hält es fest.

Die Thätigkeiten unserer Seele, welche auf der zuerst beschriebenen Beziehung beruhen, bezeichnen wir im allgemeinen mit dem Namen 'erkennen', 'wahrnehmen', 'auffassen' (cognoscere, apprehendere, percipere), jene der zweiten Art hingegen nennen wir 'streben', oder auch 'begehren' (appetere). Nach der vorher (2) angegebenen Rücksicht haben wir mithin zwei Haupt- oder Grundvermögen der menschlichen Seele zu unterscheiden: das erkennende (wahrnehmende, auffassende, perceptive), und das strebende (begehrende), das Erkenntnisvermögen und das Strebevermögen.

  (2) Facultas cognoscitiva, apprehensiva, perceptiva, und facultas appetiva, affectiva. Die facultas 'vegetiva' und 'motiva secundum locum', jene Kräfte, vermöge deren die Seele den Stoff zum lebendigen Leibe macht und die Bewegung seiner Glieder wirkt, lassen wir, unserm Zwecke entsprechend, unberücksichtigt. Von ihnen abgesehen, war die Annahme der zwei 'Grundvermögen' in der älteren Philosophie ganz allgemein.

II. Das sinnliche Erkenntnisvermögen

6. Das erste Object, welches wir vermittelst des angegebenen Organs wahrnehmen, ist unser eigener Leib, mit seinen Zuständen und Modificationen, insofern die Theile wo die letzteren vorgehen, sensitive (perceptive) Nerven besitzen. Der angemessenste Name, um das niedere Erkenntnisvermögen in dieser seiner Function zu bezeichnen, dürfte 'innerer Gefühlsinn' sein.

7. Das zweite Object des niederen Erkenntnisvermögens bilden die uns umgebenden körperlichen Dinge. In Rücksicht auf sie verzweigt sich das innere Perceptionsorgan in fünf äußere, die 'fünf Sinne', für deren jeden ein besonderer Kreis von Accidenzen der Körper bestimmt ist. Also nich diese fonf äußeren Organe, mit der ihnen entsprechenden Kraft der Seele, haben wir als das adäquate Princip der Wahrnehmung der erwähnten Accidenzen zu betrachten. Es ist die Eine perceptive Sensibilität, welche dieselben wahrnimmt, das Eine Vermögen der sinnlichen Erkenntnis mit seinem inneren Hauptorgan, nach außen hin in fünf bsonderen Verzweigungen des letzteren thätig. Nicht das Auge sieht die Farbe, die Gestalt, die Bewegung, nicht das Ohr vernimmt den Schall, nicht die Geruchsnerven empfinden den Duft der Rose ; wir reden freilich so : aber in der That ist es das innere Sinnesorgan, welches, im Auge, im Ohr, in den Geruch- oder in den Tastnerven an die Oberfläche tretend, die Eindrücke von außen empfängt ; und durch dieses Eine Hauptorgan werden dieselben von der Seele aufgefaßt (1).

Daß die fünf Sinne, als in sich abgeschlossene Perceptionskräfte aufgefaßt, ohne Verbindung mit einer inneren Centralkraft, dem 'sensus communis', keineswegs genügen, um die sinnliche Wahrnehmung der Außenwelt zu erklären, bewies die ältere Philosophie daraus, weil die perceptive Sensibilität im Stande sein muß und ist, die Objecte nicht nur desselben Sinnes, sondern auch verschiedener Sinne, zu vergleichen und zu unterscheiden, z.B. das Weiße und das Süße. Das unterscheidende Princip muß nothwendig beide Objecte, die es unterscheidet, erfassen ; das kann aber keiner der besonderen äußeren Sinne. Durch das Auge z.B. nehmen wir zwar verschiedene Farben wahr, aber nicht auch etwa das Süße, oder das Wohlriechende. Diese Lehre der Alten stimmt mit den Beobachtungen der Physiologie vollkommen überein, insofern die letztere nachweist, daß die Nerven der äußeren Sinne vom Gehirn oder vom Rückenmark ausgehen, und nur in Verbindung mit diesen Centralmassen, und von ihnen abhängig, ihre Bestimmung erfüllen können.

(1) Die ältere Philosophie nennt das innere sinnliche Perceptionsvermögen im Gegensatz zu den äußeren Sinnen, 'sensus interior', und insbesondere, insofern es die sämmtlichen Objecte der fünf äußeren Sinne wahrnimmt, 'sensus communis'.

8. Mit dem Wahrnehmen der actuellen Modificationen des eigenen Leibes, und der actuell auf die äußeren Sinnesorgane wirkenden Körper, ist indeß die Thätigkeit der perceptiven Sensibilität noch keineswegs abgeschlossen. Es sind noch drei besondere Functionen übrig, welche ihr zugeschrieben werden müssen.

Zunächst ist dieselbe so eingerichtet, daß sie die Bilder der einmal durch actuelle Gegenwart wahrgenommenen Objecte bewahrt, und auch in der Abwesenheit der letzteren erneuert : und in dieser Rücksicht nennen wir sie reproductive Phantasie. Insofern sie überdies auch, die empfangenen Bilder in Theile auflösend, und diese Theile in anderer Weise, zu Vorstellungen von nie sinnlich eraßten Objecten, verbindend, ganz neue Bilder hervorbringt, heißt sie die productive Phantasie. Die ältere Philosophie unterschied mitunter zwischen 'Phantasie' (phantasia) und 'Einbildungskraft' (imaginato, imaginativa) und bezeichnete mit dem ersten Namen allein die reproductive Phantasie, mit dem zweiten die productive.

Die productive Thätigkeit der Phantasie nehmen wir bei den Thieren nicht wahr ; obgleich durch ein leibliches Organ geübt, scheint sie doch den Einfluß der Vernunft vorauszusetzen, und dürfte darum in einem bloß sinnlichen Wesen wohl kaum möglich sein. Noch offenbarer gilt das in Rücksicht auf jene Function, welche man der 'combinativen' Phantasie zueignet, vermöge deren wir, wenn wir von einem materiellen Ganzen, z.B. von einem großen Gebäude, durch die äußeren Sinne nur einen Theil wahrnehmen, im Stand sind, das Uebrige ergänzend hinzuzudenken.

9. Verschieden, sowohl von der bloßen Wahrnehmung körperlicher Dinge, als von der Reproduction der Sinnesvorstellungen und der Production ganz neuer Bilder, ist eine andere Thätigkeit des sinnlichen Erkenntnisvermögens, in Folge deren es bei den Alten 'vis aestimativa', oder 'cogitativa' heißt : 'sinnliche Urteilskraft' möchten wir dafür sagen, oder auch 'praktische perceptive Sensibilität'. Worin ihre Eigenthümlichkeit bestehe, können wir uns am leichtesten am Thiere klar machen. 'Das Thier', sagt der heilige Thomas, 'muß nicht nur solche Dinge suchen oder fliehen, deren sinnliche Wahrnehmung ihm angenehm oder unangenehm ist, sondern noch manches andere, das den Bedürfnissen seiner Natur entspricht, oder mit denselben in Widerspruch steht. Das Schaf z.B. flieht, wenn es den Wolf erblickt : nicht wegen eines sinnlich unangenehmen Eindruckes, welchen ihm die Farbe oder die Gestalt des Wolfes verursachte, sondern weil es in ihm seinen natürlichen Feind sieht. Der Vogel sammelt Spreu und andere Gegenstände, nicht weil sie ihm sinnlich angenehm sind, sondern weil er derselben bedarf, um sein Nest zu bauen'. Aehnliche Züge bietet die Naturgeschichte in großer Zahl ; man denke nur an die Ameise, den Biber, die Biene. Diese Vollkommenheit des niederen Erkenntnisvermögens also, durch welche es die Dinge, ohne unmittelbar von denselben eine dem leiblichen Organismus zusagende oder widerwärtige Wirkung zu erfahren, als für gewisse Zwecke dienlich auffaßt, oder umgekehrt als diesen Zwecken gefährlich und nachtheilig, diese seine Vollkommenheit ist es, welche ihm den Namen 'sinnliche Urtheilskraft' oder 'praktische perceptive Sensibilität' erwirbt. Die in Rede stehenden 'gewissen Zwecke' sind im allgemeinen, einerseits die Erhaltung des Einzelwesens und die Förderung seines leiblichen Lebens, anderseits die Erhaltung der Gattung durch die Fortpflanzung und die Sorge für das Erzeugte.

Mit dem von uns gebrauchten Namen 'sinnliche Urtheilskraft' könnte man vielleicht unzufrieden sein, insofern nur die Intelligenz 'urtheilt'. 'Gewisse neuere Gelehrte', schreibt Liberatore, 'entsetzen sich davor, den Thieren auch nur die mindeste Erkenntnis zuzugestehen, und werden sich bekreuzen, wenn sie hören, daß dieselben, außer dem Angenehmen und Unangenehmen, noch gewisse andere concrete Beziehungen der Dinge auffallen sollen. Aber ihre Furcht ist ganz und gar unbegründet'. Es handelt sich hier eben nicht um jenes 'Erkennen' und 'Urtheilen', wie es ausschließlicher Vorzug des Geistes ist, d.h. nicht um die Perception des Allgemeinen und des Wesentlichen in den Dingen, sondern lediglich um die Wahrnehmung bestimmter Einzeldinge und ihrer konkreten Accidenzen. In diesem Sinne schreibt der heilige Thomas, wo er die Nothwendigkeit des 'sensus communis' verteidigt, auch den äußeren Sinnen eine Urtheilskraft zu.

Die neuere Philosophie hat sich vielfach daran gewöhnt, jene Erscheinungen im Leben der Thiere, zu deren Erklärung die Alten eben die sinnliche Urtheilskraft postulierten, einfach dem 'Instinkt', einem nicht weiter zu erklärenden Antriebe der Natur, zuzuschreiben. Dieses Verfahren kann bequemer erscheinen, als das sorgfältige Unterscheiden der Alten : aber es ist um eben so viel weniger wissenschaftlich. Das Thier ist nicht ein automatisches Gebilde, welches durch irgend eine verborgene Vorkehrung mechanisch in Bewegung gesetzt wird ; alle seine Strebungen sind Aeußerungen eines lebendigen Princips, sind spontane Thätigkeiten. Die strebende Kraft wird aber in keinem Sinnenwesen thätig ohne eine entsprechende Thätigkeit des wahrnehmenden Vermögens ; dieses muß ihr für jeden Act das Object bieten, und dadurch denselben vermitteln. Jenes natürliche Streben, vermöge dessen das Lamm vor dem Wolfe flieht, oder dieser das erstere als seine Beute verfolgt, mag deshalb immerhin Instinkt genannt werden : es setzt darum nicht minder nothwendig einen entsprechenden Act des sinnlichen Erkenntnisvermögens voraus.

Eben so wenig, als aus einem blinden Naturtriebe, kann man die Erscheinungen von denen wir reden, mit Dupont de Remours etwa aus gemachten Erfahrungen, und den daher stammenden Erinnerungen ableiten. Welche Erfahrung kann wohl die Schwalbe treiben, wenn sie den Koth sammelt um ihr erstes Nest zu bauen? Die Mauerwespe Réaumurs legt ihre Eier in eine cylindrische Höhle, die sie zuvor in festem Sande ausgegraben hat, und sammelt auf dieselben grüne noch lebende Maden, welche so lange am Leben bleiben, bis die das Ei verlassende Wespenlarve sie verzehrt. Nach Dupont de Remours nun soll sich die Mutterwespe von der Zeit her, wo sie selbst Larve gewesen, erinnern, wie viele solcher Maden sie zu ihrer Nahrung nöthig gehabt habe, und deshalb lege sie eben so viele zu ihren Eiern. Cuvier fragt dagegen, woher denn die Wespe wissen könne, daß die Maden, die sie als Larve gefressen, grün waren? Als die Maden noch am Leben waren konnte sie (als Larve) gar nicht sehen, und als sie endlich sehen konnte, waren alle Maden längst gefressen.

Den Begriff und die Wirklichkeit der sinnlichen Urtheilskraft in den Thieren haben wir hierdurch zur Genüge festgestellt. Was den Menschen betrifft, so tritt bei ihm diese Fähigkeit allerdings weniger auffallend hervor, weil theils die Erfahrung, theils die praktische Vernunft, in vielen Fällen dasselbe leistet. Aber es wäre sicher ein Irrthum, wenn man dieselbe der menschlichen Natur absprechen wollte. Die Kenntnisse und die Perceptionen die sie uns vermittelt, beziehen sich auf dieselben Zwecke, welche wir oben bezeichnet haben : auf jene Functionen, welche für die Erhaltung theils des Individuums theils der Gattung die wesentlichsten sind. Nicht der Verstand ist es, der uns zuerst lehrt, daß unser Hunger und Durst durch Speise und Trank gestillt werden : auch der Erfahrung bedürfen wir nicht, um es zu wissen ; denn schon das kaum erst geborene Kind sucht die Brust seiner Mutter. Uebrigens ist es freilich schwer, zwischen Wirkungen des Verstandes und jenen der sinnlichen Urtheilskraft, die gleichsam sein sinnliches Analogon ist, immer schart die Gränzen zu ziehen. Je mehr die geistige Kraft sich entwickelt und je reicher die Erfahrung wird, desto mehr scheint jene zurückzutreten ; eben darum äußert sie sich am sichtbarsten im Kindesalter, und bei uncultivierten Naturvölkern.

Weil man diese wesentliche Seite des niederen Erkenntnisvermögens, welche unter allen der sinnlichen Strebekraft zunächst liegt, nicht beachtet, daher kömmt es, daß manche Erscheinungen des inneren Lebens entweder gar nicht verstanden, oder unrichtig aufgefaßt werden. Man kennt meisten keine anderen sinnlichen Perceptionskräfte, als die fünf Sinne und die Phantasie. Aber nicht in Wahrnehmungen der äußeren Sinne, oder in Phantasievorstellungen, haben die unwillkürlichen Regungen des niederen Strebenvermögens in sehr vielen Fällen ihren unmittelbaren Grund, sondern in der natürlichen, der Leitung der Vernunft sich oft entziehenden, Thätigkeit der sinnlichen Urtheilskraft. Hiernach sind jene Regungen zu beurtheilen, und hiernach zugleich die Grundsätze zu verstehen und zu begründen, welche die Moraltheologie über die 'motus concupiscentiae' und ihre Zurechenbarkeit aufstellt.

10. Insofern endlich das niedere Erkenntnisvermögen im Stande ist, früher gehabte Perceptionen, namentlich jene welche der sinnlichen Urtheilskraft angehören, auch ohne die wirkliche Gegenwart der Dinge, nicht nur zu erneuern, sondern sie auch als schon gehabte zu erkennen, heißt es das niedere Gedächtnis.

11. Die ältere Philosophie pflegte in dem niedern Erkenntnisvermögen, außer den fünf äußeren Sinnen, drei, vier, fünf oder sechs 'innere Sinne' (sensus interiores) zu zählen, je nachdem man den sensus communis, die phantasia, imaginata, aestimativa, cogitativa, memoria, reminiscentia, auf zwei, drei, oder mehrere Principe zurückführen zu müssen glaubte. Der heilige Thomas nimmt vier innere sinnliche Perceptionsvermögen an. Suarez hingegen führt sehr gut den Beweis, daß durchaus kein Grund vorliege, die besonderen Functionen der inneren perceptiven Sinnlichkeit, wie wr sie vorher aufgezählt, verschiedenen Vermögen zuzuschreiben ; er erklärt es darum für wahrscheinlicher, daß die innere perceptive Sensibilität nur ein einziges Vermögen sei, wie auch Aristoteles lehre. Seiner Ansicht, welche wir für die richtigere halten, sind wir in dem Vorstehenden gefolgt, ohne darum die Frage, die für unseren Zweck von keiner Bedeutung ist, entscheiden zu wollen.

Ueberdies möchten wir aber noch einen Schritt weiter thun, als Suarez, wenigstens ausdrücklich, gethan hat. Wir sehen nämlich eben so wenig einen Grund, die fünf äußeren Sinne für besondere Vermögen zu erklären, und ihnen den inneren Sinn als das zweite, oder vielmehr als das sechste, sinnliche Perceptionsvermögen gegenüberzustellen. Die fünf äußeren Sinne sind, wie wir schon sagten, nichts als Verzweigungen des Einen inneren Sinnes, besondere Conformationen, partielle Modificationen desselben, durch welche er die äußere Welt, nach den verschiedenen Accidenzen der Körper, wahrnehmen soll. Die perceptive Sinnlichkeit dürfte sich darum mit vollem Recht als ein einziges Vermögen auffassen lassen, als die Fähigkeit der Seele, vermittelst Eines leiblichen Organs das Körperliche wahrzunehmen. Die Bezeichnungen 'innerer Gefühlsinn', 'Gesicht', 'Gehör', 'Getast', 'Phantasie', 'sinnliche Urtheilskraft', welche wir dieser Einen Fähigkeit je nach ihren besonderen Functionen beilegen, sind nur verschiedene Namen für dasselbe Vermögen, welche den Begriff desselben inadäquat ausdrücken.

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